Schattenseiten Teil 8 – von H. Geske

Erst als es schon dämmrig wurde sahen sie wieder die ersten Anzeichen von Leben. Zunächst handelte es sich um etwas Moos auf einem Stein und ein paar halbvertrocknete Grasbüschel. Doch schon wenig später fanden sie einen Busch, der Blätter von einem kräftigen Grün trug und schließlich schritten sie wieder über eine saftige Wiese. Als es schließlich so dunkel war, dass Rodge zweimal innerhalb von einer Minute über Steine stolperte, die er nicht gesehen hatte, machten sie halt. Wie immer entzündeten sie ein Feuer und saßen nach einer Mahlzeit aus ihren Vorräten noch eine Weile nebeneinander da. Rodge säuberte sein Sensenschwert und Alija, deren Messer bereits wieder glänzten wie neu, schaute ihm dabei zu. Schließlich ergriff sie das Wort.
„Du hast dich gut geschlagen heute. Zwei von den Biestern gehen auf dein Konto, und außerdem…“
Sie stockte.
„Du hast mir heute das Leben gerettet. Danke.“
Rodge sah nicht auf.
„Ich schätze, damit wären wir quitt. Oder auch nicht, schließlich hast du mir schon zweimal das leben gerettet, mindestens. Wer weiß, wie oft du jemanden aufgehalten hast, ehe er an mich rankam. Also, kein Problem. Das war ich dir wohl schuldig.“
„Nein, das warst du nicht, weil…“
Sie biss sich auf die Lippe. Dann sprudelte sie los.
„Ich hab dir doch erzählt, warum ich unterwegs bin, ich habe dir die Liste gezeigt, und … und ich … ach, verdammt!“
Jetzt hob Rodge doch seinen Blick und sah sie an.
„Was ist los? Was ist mit der Liste?“
„Ach … nichts …“
„Willst du mir erzählen, dass ich jetzt doch mit darauf stehe?“ fragte er scherzhaft.
Sie sah ihn erschrocken an.
„Nein, das nicht. Du nicht.“
Die letzten Worte hatte sie fast geflüstert, während sie sich an seine Schulter lehnte.
„Bitte lass uns jetzt nicht mehr davon sprechen.“
Er legte die Waffe beiseite und den Arm um ihre Schultern. So saßen die beiden noch eine ganze Weile beieinander und blickten in die Flammen, während sich jeder seine Gedanken über den anderen machte. Erst spät machten sie sich ihre Lager, dicht beieinander, doch jeder für sich.

***

Die nächsten Tage waren für Rodge die Schönsten seit langem. Sie wanderten durch eine blühende Landschaft, so dass das Gehen fast schon mehr Genuss als Strapaze war. Das Wichtigste aber war für ihn, dass er in Alija endlich den Freund gefunden hatte, der ihm in seinem alten Leben, abgeschottet vom Rest der Welt im Anwesen seiner Eltern, immer gefehlt hatte. Nach ihrem Erlebnis bei der Chemiefabrik und dem darauffolgenden Abend war sie viel offener und gelöster als zuvor. Rodge, oft dachte er in dieser Zeit über sich selbst auch als Leopold, hatte das Gefühl, nun endlich ein Stück von der anderen Seite Alijas kennenzulernen, der menschlichen, verletzlichen, aber auch begeisterungsfähigen Alija. Sie erzählte viel von den Dingen, die sie auf ihren Wanderungen erlebt hatte und lachte genausoviel wie Leopold. Im Laufe dieser Tage wuchsen die beiden so sehr zusammen, das Leopold schon mit Schrecken daran dachte, dass sie sich nach ihrer Ankunft in Bucktopia wieder trennen würden, und auch in Alijas Blick sah er ab und zu, wenn sie ihn betrachtete, eine gewisse Melancholie, die er auf ähnliche Gedankengänge zurückführte.
Von Leopolds, beziehungsweise Rodges Standpunkt aus hätte diese Reise jedenfalls noch ewig so weitergehen können und daher war es nicht verwunderlich, dass er mit gemischten Gefühlen reagierte, als ihn Alija eines Morgens, sie waren auf ihr Betreiben hin schon vor Sonnenaufgang aufgebrochen, zu sich rief und ihm einen kleinen, leuchtenden Punkt am Horizont zeigte.
„Rodge, wir sind da. Das da ist Bucktopia!“

***

Gegen Abend passierten sie eines der Tore von Bucktopia. Am Eingang mussten sie ihre Waffen abgeben. Alija war beunruhigt, aber Rodge, der von seinen Eltern davon gehört hatte, machte ihr klar, dass das normal sei und niemand innerhalb der Mauern Waffen trage.
„Das ist ein friedliches Zusammentreffen. Natürlich kann man die eine oder andere Schlägerei nicht verhindern, aber die Bucktopianer geben sich alle Mühe, wenigstens schweren Verletzungen und Toten vorzubeugen. Du kriegst ja alles wieder, wenn du die Stadt verlässt.“
„Das will ich hoffen“ knurrte sie und sah den Wächter, der ihre Messer entgegengenommen hatte, misstrauisch an.
Im Inneren der Stadt war trotz der späten Stunde noch viel los. An allen Ecken standen Händler und priesen ihre Waren an. Gaukler marschierten in langen Reihen durch die Straßen und boten ihre Künste dar. Rodge und Alija, beide an Ruhe und Abgeschiedenheit gewöhnt, taumelten fast taub und blind durch den Krawall. Auf jedem Platz, den sie betraten war eine Bühne aufgebaut, auf der abwechselnd Musiker und Theatergruppen auftraten. Viele von diesen Gruppen hatten sich extra für dieses Treffen gebildet. Überall drängten sich Menschen. Sie schoben sich die Bürgersteige und Straßen entlang, sie quetschten sich in Kneipen und drängelten sich vor Bühnen, Schauzelten und Marktständen. Die vielen aufgeregten Stimmen verwoben sich zu einer unverständlichen Melange aus Wortfetzen, Husten, Kinderschreien, Gelächter und allen Arten von Geräuschen, die eine menschliche Stimme eben so hervorbringen kann.
Alija und Rodge ließen sich am Anfang einfach mit der Menschenmasse treiben. Sie waren wie geblendet von dem überbordenden Angebot an Eindrücken. Als sie schließlich, nachdem sie von der Menge einmal fast durch die komplette Stadt geschleift worden waren, wieder bei dem Tor ankamen, durch welches sie die Stadt betreten hatten, zog Alija Rodge nah an die Häuser, an den einzigen Ort also, wo man ohne weiteres stehenbleiben konnte, und machte den Vorschlag, es am nächsten Tag noch einmal zu versuchen.
„Lass uns unsere Waffe holen und draußen vor der Stadt unser Lager aufschlagen. Ich halte es nicht mehr lange hier drin aus. Das ist mir einfach zu viel.“
Rodge, dem es nicht besser erging, hatte nicht das Geringste gegen diesen Vorschlag einzuwenden und so verließen sie die Stadt, ließen sich von den Wachen die Waffen und suchten sich einige hundert Meter weiter ein Fleckchen Erde, um dort zu nächtigen. Vollkommen erschöpft von der langen Wanderung und der sie überfordernden Großveranstaltung in Bucktopia schliefen sie bald ein.

***

Am nächsten Tag standen sie früh auf. Nachdem sie die spärlichen Reste ihrer Vorräte zum Frühstück gegessen hatten, wollte Rodge sich sofort wieder in die Stadt begeben und seinen Onkel suchen. Alija war jedoch zurückhaltender.
„Mir war das ein bisschen zu viel gestern. Der ganze Trubel da drin. Geh ruhig alleine, ich sehe inzwischen, ob ich eine Möglichkeit finde, den Proviant zu erneuern.“
Rodge nickte langsam.
„Aber … wir sehen uns nochmal wieder, oder? Bist du noch da, wenn ich heute Abend nochmal rauskomme … um … mich zu verabschieden?“
Alija sah ihn betroffen an. Dann kam sie mit raschen Schritten zu ihm herüber und umarmte ihn.
„Wenn du dir das wünschst, werde ich da sein“, sagte sie, und dann, etwas leiser: „Aber dann wirst du mich wahrscheinlich nicht mehr treffen wollen.“
Rodge sah erstaunt auf sie herunter.
„Was soll das heißen? Natürlich will ich dich treffen!“
Sie lächelte ihn nur an, ein trauriges Lächeln. Dann drückte sie ihm schnell einen Kuss auf die Wange.
„Geh. Bis heute Abend.“
„Aber was … “
„Geh!“
Verwirrt machte sich Rodge auf den Weg zum Stadttor. Nach einigen Schritten drehte er sich noch einmal um, aber Alija hatte ihm schon den Rücken zugekehrt und Rodge konnte nicht wissen, dass sie es tat, um ihre Tränen vor ihm zu verbergen.

***

Morgens war die Stadt wesentlich ruhiger als am Abend. Viele der Menschen, die die Straßen, Gassen und Plätze noch bis tief in die Nacht hinein bevölkert hatten, verschliefen den Vormittag, um für den nächsten Abend fit zu sein, und so kam es, dass Rodge bei seinem zweiten Besuch in Bucktopia einfach ein normal bevölkertes Städtchen erblickte. Er schlenderte durch die Straßen und sah sich in Ruhe um. Die Marktstände verteilten sich über die ganze Stadt, und so brauchte er viele Stunden, um zumindest auf alles einen kurzen Blick geworfen zu haben. Erst am Ende dieser Tour wurde ihm klar, dass es durchaus eine Ordnung in dem augenscheinlichen Chaos gab, zumindest, was die Händler anging. Die schienen die verschiedenen Plätze der Stadt nämlich unter sich aufgeteilt zu haben. Auf einem gab es ausschließlich Lebensmittel, auf einem anderen Waffen und Werkzeuge, wobei die Waffen in Vitrinen untergebracht waren und, wenn man sich entschloss, eine zu kaufen, bei einer beliebigen Torwache hinterlegt werden konnten, so dass man sie beim Verlassen der Stadt ausgehändigt bekam, auf einem dritten Platz sah Rodge alle möglichen Kunstgegenstände und einige Straßen weiter gab es Dinge des täglichen Bedarfs. Diejenigen Händler, die sich nicht sicher waren, zu welcher Gruppe sie gehörten, hatten ihre Stände einfach in den Straßen zwischen den jeweiligen Plätzen aufgebaut.
Rodge hielt sich eine Weile lang bei den Ständen mit wertvollen Artefakten aus der Zeit vor der Katastrophe auf, wo er einige der Dinge, die er von zuhause mitgenommen hatte, gegen die merkwürdigen Münzen eintauschte, die in dieser Stadt als Zahlungsmittel dienten. Von einer dieser Münzen kaufte er sich eine Tüte mit kleinen, süßen Kuchen und ein kleines Brot. Kauend machte er sich auf zum Werkzeugmarkt. Sein Onkel Harry verdiente seinen Lebensunterhalt durch das herstellen verschiedenster Werkzeuge aus den Überresten alter Geräte und Maschinen. Wenn er ihn irgendwo finden würde, dann hier.
Neugierig betrachtete er die Auslagen der einzelnen Stände und warf dabei immer wieder unauffällige Blicke auf die Händler. Beim dritten Stand, an dem er vorbeikam, hatte er Glück. Ein großer, grobschlächtiger Mann mit ausladendem Bauch, Schnurrbart und Glatze war gerade dabei, einem schmächtigen Kerlchen einen Hammer anzudrehen, den dieser mit Sicherheit nicht einmal halten konnte. Rodge betrachtete ihn kurz. Es war einige Jahre, her, dass er seinen Onkel zuletzt gesehen hatte, aber wenn er sich die Gesichtszüge in Erinnerung rief…
„Harry?“
Der massige Händler drehte sich zu ihm um.
„Bist du … mein Onkel Harry?“

***

Alija hatte sich ihren Umhang um die Schultern gelegt, die Kapuze ins Gesicht gezogen und die Waffen unter dem schwarzen Stoff verborgen. Heute würde sie einen weiteren Teil ihrer Mission erfüllen. Es würde nicht einfach sein, aber sie hatte einen Schwur abgelegt.
Sie schlich sich in Richtung Stadt, machte jedoch einen großen Bogen um das Tor. An einer offensichtlich unbeobachteten Stelle der Mauer begann sie, dieselbe zu ersteigen. Sie krallte sich mit Fuß- und Fingerspitzen in die kleinen Fugen zwischen den Steinen. Ihre jahrelange Erfahrung im erklettern von Bäumen kam ihr hierbei zugute. Keuchend schob sie sich schließlich über die Brüstung und sah sich um. Niemand war zu sehen. Um so besser.
Die Mauerkrone lag ungefähr auf der gleichen Höhe, wie die zahlreichen Hausdächer. Alija sprang auf eines der Dächer, lief darauf entlang und überquerte mit einem weiteren Sprung eine kleine Gasse. Auf diese Weise bewegte sie sich auf den Dächern der Stadt entlang, so oft wie möglich den Schatten von Schornsteinen, anderen Dachgiebeln oder Mäuerchen und Verzierungen nutzend, um sich zu verbergen, bis sie schließlich den Werkzeugmarkt erreichte. Rodge hatte ihr erzählt, sein Onkel sei Werkzeugschmied oder etwas ähnliches. Daher hatte Alija schon am Vorabend bei ihrer verwirrenden Stadtbesichtigung die Gelegenheit ergriffen und heimlich jemanden gefragt, wo denn die Werkzeugschmiede zu finden seien, während Rodge in den Anblick eines Gauklers versunken gewesen war, der mit den bunten Spielfiguren irgendeines in Vergessenheit geratenen Brettspiels jongliert hatte.
Sie machte es sich auf einem Dach bequem und wartete darauf, dass Rodge auftauchte.

***

Nach einigen Stunden wurde sie ungeduldig. Wie lange brauchte er denn? Sicher, er musste erst herausfinden, wo er überhaupt zu suchen hatte, aber so lange konnte das doch nicht dauern? Und wenn Rodge bereits vor ihr hier gewesen und mit seinem Onkel längst abgezogen war? Nein. Unmöglich. So schnell konnte er nicht gewesen sein. Wahrscheinlich machte er sich einfach einen schönen Tag und nahm sich Zeit, all das anzuschauen, was er am Vorabend in all dem Trubel gar nicht richtig wahrgenommen hatte. Alija stand kurz auf und schüttelte ihre Glieder aus. Dann setzte sie sich wieder und stellte sich auf eine längere Wartezeit ein.

***

Die Sonne stand schon tief, als Rodge endlich auf dem Platz auftauchte. Alija sah ihm zu, wie er die Stände abschritt und schließlich an einem stehen blieb. Er schien irgendjemanden anzusprechen. Alija zerknüllte vor Aufregung die Namenliste in ihrer linken Hand. Dann trat ein fetter Mann mit Glatze und buschigem Schnurrbart aus dem Inneren des Marktstands. Die beiden reichten sich die Hand. Das musste wohl Rodges Onkel sein.
Alija kletterte flink an der Fassade des Hauses hinunter. Im Vergleich zu der Stadtmauer war das hier ein Kinderspiel. Dann folgte sie den beiden, die Kurs auf ein nahes Gasthaus genommen hatten. Inzwischen fing es an zu dämmern. Alija hielt bereits eines ihrer Wurfmesser unter dem Umhang bereit. Da, jetzt blieben sie stehen, der Fette öffnete die Tür es Wirtshauses und drehte sich dabei halb zu ihr, Rodge drehte ihr sein Profil zu. Das war der Moment. Sie hob das Messer.

***

Der Händler runzelte die Stirn und musterte Rodge misstrauisch. Dann fingen seine Augen jedoch an zu glänzen und ein Ausdruck ungläubigen Erstaunens huschte über sein Gesicht.
„Leopold? Bist du das?“
Harry kam hinter dem Stand hervor, zögerte kurz, und reichte ihm schließlich die Hand. Rodge fiel auf, dass er eine Pistole am Gürtel trug. Wie er die wohl hier hereingeschmuggelt hatte?
„Mein Gott, das muss ja schon Jahre her sein, dass wir uns mal gesehen haben. Sind deine Eltern auch hier?“
Rodge schüttelte den Kopf.
„Das ist eine lange Geschichte. Vielleicht sollten wir das nicht hier auf der Straße stehend besprechen. Schon gar nicht, wenn man dich mit der da sehen könnte.“
Er wies auf die Pistole.
Harry schüttelte den Kopf.
„Ach, die ist nicht geladen. Ich musste Kugeln und Pulver am Stadttor abgeben, aber wie du meinst. André“, fügte er an den zweiten Händler an seinem Stand gewandt hinzu, „du übernimmst kurz alleine. Ich bin in einer halben Stunde wieder da.“
Dann drehte er sich wieder zu Rodge um.
„Wir beide gehen inzwischen in eine Kneipe, und du erzählst mir, was du hier so ganz alleine treibst. Los komm, ich lade dich ein.“
Er legte Rodge den Arm um die Schulter und schob ihn zum Eingang eines nahegelegenen Gasthauses.
Als Harry für ihn die Tür öffnete, sah Rodge aus den Augenwinkeln eine schwarze Gestalt. Er drehte sich um, doch in diesem Augenblick flog etwas silbern glänzendes knapp an ihm vorbei und bohrte sich in den Hals seines Onkels. Ohne zu überlegen zog Rodge die Pistole aus dem Gürtel seines Onkels und schleuderte sie, während er sich umdrehte, der dunklen Gestalt entgegen. Dieser Gegenangriff kam zu unerwartet, als das sie noch hätte ausweichen können. Der Knauf der Waffe traf sie mit voller Wucht am Kopf, sie fiel rücklings mit dem Hinterkopf aufs Pflaster und blieb reglos liegen.
Rodge wandte sich zu seinem Onkel um. Mit einem Blick erkannte er, dass hier nichts mehr zu machen war. Das Wurfmesser hatte seine Kehle glatt durchschnitten, eine große Blutlache hatte sich um ihn herum ausgebreitet. Das Wurfmesser …
Auf einmal wurde Rodge ganz schlecht. Er drehte sich zu dem schwarz gekleideten Menschen um, den er eben mit seinem Bistolenwurf überwältigt hatte. Der schwarze Umhang, das Wurfmesser, die langen, braunen Haare, die aus der Kapuze hervorlugten …
Rodge gab ein ersticktes Geräusch von sich und rannte los, auf den schwarz verhüllten Körper zu, der da auf dem Boden lag. Um ihn herum war inzwischen eine Panik ausgebrochen. In der erklärten Stadt des Friedens war ein Kampf ausgebrochen. Zwei Menschen waren zu Boden gegangen, einer davon lag in einer riesigen Blutpfütze. Schreiend liefen die Menschen durcheinander und Rodge hatte alle Mühe, sich seinen Weg durch die Menschenmassen zu bahnen, auch wenn es nur um ein paar Meter ging.
Endlich angekommen kniete er sich nieder und nahm die Kapuze von dem Gesicht des Angreifers … der Angreiferin. Er schluchzte. Da lag Alija, die Augen geschlossen, an der Schläfe deutlich den Abdruck des Pistolenknaufs. Sie rührte sich nicht. Als Rodge ihren Kopf vom Boden heben und auf etwas weiches betten wollte, fasste er in etwas nasses. Erst jetzt realisierte er, dass auch sie blutete. Sie schien mit dem Kopf heftig aufs Pflaster aufgeschlagen zu sein. Er legte eine Hand auf ihre Brust, um die Atembewegung zu erspüren, doch da war nichts, keine Regung. Da ließ Leopold, denn niemand anders war es, der hier trauerte, ihren Kopf wieder sinken und ging gesenkten Kopfes in Richtung Stadttor. Die Wachen waren alle ins Innere der Stadt gerannt, als sie den Tumult gehört hatten. So hatte Leopold keinerlei Schwierigkeiten, als er draußen seine und Alijas restliche Sachen von ihrem Lagerplatz holte und mit allem, was sie besessen hatten, in die Stadt zurückkehrte. Als er wieder auf dem Werkzeugmarkt angekommen war, waren immer noch keine Wachen in der Nähe. Wahrscheinlich hatte man ihnen nur im Vorbeihasten zugeschrien, dass etwas passiert war, ohne das jemand so geistesgegenwärtig gewesen war, ihnen den Ort mitzuteilen, und die Wachen selbst hatten noch nie einen bewaffneten Konflikt in der Stadt schlichten müssen, so dass sie zu unerfahren waren, als dass ihnen die richtige Vorgehensweise eingefallen wäre.
Leopold kehrte zu Alijas totem Körper zurück. Er schob ihr ihr Bündel unter den Kopf.
„Warum musstest du ihn töten? Was sollte das alles?“
Er wisperte ihr die Worte ins Ohr, ohne eine Antwort zu erwarten, doch als er sich gerade wieder erheben wollte, sah er, dass sich ihre linke Hand um ein Stück Papier verkrampft hatte. Mit einiger Mühe gelang es ihm, es aus der Umklammerung zu lösen. Es war die liste der Mörder von Alijas Eltern. Gedankenversunken betrachtete Leopold das Papier, bis sein Blick auf einen Namen fiel. „Harry Klein“ stand da. Das war doch sein Onkel Harry! Dann hatte er also … Leopold begann, zu begreifen. Dann fiel ihm etwas ein. Als sie sich gerade getroffen hatten, hatte Alija ihn nach seinen Eltern gefragt. Fieberhaft suchte er das Papier ab und tatsächlich – auch ihre Namen standen da. Leopold vergrub sein Gesicht in den Händen. Auch sie, seine geliebten Eltern, waren dabei gewesen, als zwei Menschen, Eltern eines kleinen Kindes zudem, ermordet und zusammen mit ihrem Haus in Brand gesteckt worden waren. Mit Tränen in den Augen blickte er wieder in Alijas starres Gesicht.
„Es tut mir so Leid. Erst werden deine Eltern umgebracht, und dann … dann nimmt ihr Sohn dir das Leben. Ich wusste doch nicht … dir hätte ich doch niemals … “
Leopold verstummte. Ein nahezu stummes Schluchzen schüttelten ihn. Dann wischte er sich die Tränen aus dem Gesicht und fasste einen Plan. Mit schnellen Handgriffen nahm er Alijas Waffen und ihren schwarzen Umhang an sich. Dann nahm er die Liste nochmals in Augenschein. Neben einigen Namen waren Notizen gemacht worden. Es handelte sich um Informationen über den jeweiligen Aufenthaltsort, die Alija schon gesammelt hatte. Die bereits durchgestrichenen Namen und den seines Onkels abgezogen enthielt die Liste noch sieben Namen. Sieben Namen würden eine Zeit lang reichen. Leopold stand auf und betrachtete noch einmal den Körper der jungen Frau, die ihm so nahe gewesen war, wie niemand sonst. Einem plötzlichen Impuls folgend zog er seine Sichel hervor und legte sie zu ihr. Wie einen Gruß ließ er ihr seine erste Waffe, über die sie sich mehrfach lustig gemacht hatte. Noch einmal schaute er in ihr Gesicht, um sich dieses Bild möglichst lange zu bewahren. Dann drehte er sich um und verschwand in den Schatten der kleinen Gassen. Auf Umwegen begab er sich zum Stadttor. Er wollte auf keinen Fall einer Wache über den weg laufen, die ihn vielleicht wegen seiner Waffen festnehmen würde.
Mit jedem Schritt, den er aufs Stadttor zuging, verbarg sich Leopold mehr. Rodges harte Schale schloss sich um ihn, denn was er nun vorhatte, konnte Leopold nicht durchführen. Als er schließlich die Stadt verließ, war es Rodge, der das Tor durchquerte. Er sah noch einmal auf die Liste und prägte sich den ersten Namen darauf gut ein. Das war von nun an sein Leben, das war seine Aufgabe. Er würde Alijas Rache vollenden. Was danach kam, wusste er nicht, aber das war für den Moment auch nicht wichtig. Mit langen Schritten entschwand Rodge in die Nacht hinein.

Verfasser: Hans Geske