Schattenseiten Teil 6 – von H. Geske

Im Nachhinein war Rodge seine Reaktion auf die plötzliche Erkenntnis, von einem Mädchen beschützt worden zu sein, äußerst peinlich. Die junge Frau hatte ihn nicht einmal mit einer spöttischen Antwort bedacht. Sie hatte ihn nur ein paar Sekunden lang mit einem Gesichtsausdruck angesehen, in dem sich Unglaube, Überlegenheit und Mitleid auf eine Weise mischten, das Rodge seinen Blick augenblicklich zu Boden senkte. Diese junge Dame hatte soeben bewiesen, dass sie weit besser mit dem Leben hier draußen umgehen konnte als Rodge, von Leopold ganz zu schweigen. Sie hatte ihm mit ihren beeindruckenden Kampfkünsten aus der Klemme geholfen und ihm war auch augenblicklich klar, dass sie es gewesen war, die neulich die beiden Banditen ausgeschaltet hatte. Die Wurfmesser waren ihm Hinweis genug.
Nach der unangenehmen Szene mit der „Mädchen“-Bemerkung hatte sie ihre Messer wieder eingesammelt und er hatte sich auf ihren knappen Befehl hin daran gemacht, ein Feuer zu entfachen. Nun saßen sich die beiden gegenüber und starrten in die Flammen.
Schließlich zog sie etwas hervor und warf es neben ihm auf den Boden.
„Hier, ich glaube, das Ding gehört dir“
Es war die Sichel.
„Oh, danke.“ Rodge griff sich seine Waffe und begann, damit herumzuspielen.
„Wenn ich mich nicht täusche, hast du auch etwas, das mir gehört.“
Rodge sah auf.
„Woher sollte ich denn etwas haben, was…“ Sein Blick blieb an dem Wurfmesser hängen, das sie noch in der Hand hielt.
„Ach so.“
Rodge kramte die beiden Messer hervor, die er den beiden toten Banditen vor einigen Tagen aus dem Rücken gezogen hatte und überreichte sie ihr.
„Danke fürs Mitnehmen“ sagte sie spöttisch und begann, die Klingen zu putzen. Dann hielt sie inne und sah Rodge ins Gesicht.
„Ich glaube, wir sollten uns erstmal vorstellen. Mein Name ist Alija.“
„Leop… Rodge“ sagte Rodge.
„Wohin bist du unterwegs, Rodge?“
„Ich will nach Bucktopia.“ Rodge erklärte ihr die Gründe seiner Wanderung. Als er fertig war, sah Alija ihn beunruhigt an.
„Du weißt also nicht, wo deine Eltern gerade sind?“
Rodge schüttelte den Kopf. Aus irgendeinem Grund schien Alija sich darüber zu ärgern. Dann besann sie sich und fragte: „Wie war gleich der Name des Onkels, zu dem du willst?“
„Harry“, antwortete Rodge, „wieso?“
Doch Alija schien sich schon wieder in ihren eigenen Gedanken verloren zu haben.
„Der Onkel“, murmelte sie, „immerhin etwas…“
Rodge konnte sich ihre Reaktion nicht erklären, spürte aber, dass eine direkte Nachfrage wohl kaum zum Erfolg geführt hätte. Daher fragte er stattdessen:
„Und wohin willst du? Was machst du so hier draußen?“
Alija sah ihn versonnen an.
„Was ich hier mache? Ich bin unterwegs, genau wie du. Und frag mich jetzt bloß nicht, was mein Ziel ist, das ist nämlich allein meine Sache. Die erste Frage verstehe ich mal als die nach meiner nächsten Zwischenstation. Das wäre Bucktopia, wie bei dir. Ich schlage also vor, wir tun uns bis dahin zusammen. Auf die Art sind wir wehrhafter und können uns bei den Nachtwachen abwechseln. Hierzulande sollte man nach Möglichkeit gemeinsam reisen.“
Rodge stutzte. Der Ausdruck „gemeinsam reisen“ hatte ihm etwas ins Gedächtnis gerufen, wonach zu fragen er fast vergessen hätte.
„In gewissem Sinne tun wir das doch schon seit längerem, oder?“
„Wie bitte?“ Das Mädchen wirkte verwirrt.
„Ach komm schon.“ Rodge grinste sie schelmisch an. „Du hast mir doch neulich schon geholfen, als mich diese Wegelagerer angegriffen haben und Jackson hat von einer Gestalt im schwarzen Mantel erzählt, die er gesehen habe. Das warst bestimmt auch du.“
„Jackson?“
„Der Typ, den ich neulich getroffen habe. So wie du scheinbar hinter mir hergelaufen bist musst du ihn doch gesehen haben. Er hatte einen Mantel aus bunten Flicken an…“
„Ach der. Ja, den habe ich gesehen. Im Übrigen: Ja, ich bin dir ein Stück gefolgt und nein, ich sage dir nicht, warum. Das es nicht war, um dir Schaden zuzufügen, wirst du ja wohl mitbekommen haben. Der Rest geht dich nicht das Geringste an. Ist das klar?“ Ihr Blick funkelte ihn übers Feuer hinweg an und er konnte sich nicht entscheiden, welche Flamme heller loderte.
„Ist ja gut“, versuchte er sie zu beruhigen, „ich frag ja schon gar n nicht mehr. Du kannst mir ja stattdessen etwas über deine Vergangenheit erzählen, deine Familie oder so. Oder ist das auch alles top secret?“
Alija sah ihn einige Augenblicke lang einfach nur an.
„Später vielleicht“ sagte sie dann.
Den Rest des Abends verbrachten sie schweigend. Irgendwann wickelten sie sich jeder in seine Decke und schliefen ein.

***

Am nächsten Tag setzten die beiden ihre Wanderung also gemeinsam fort. Alija wirkte wesentlich aufgeräumter als am Vorabend. Scheinbar hatte sie sich damit abgefunden, dass sie ihre Existenz nicht länger vor ihm hatte geheim halten können. Jetzt schien sie es zu genießen, nicht mehr allein zu sein und jemanden zum Reden zu haben. Auch für Rodge war es eine Erleichterung. Seit er losgezogen war hatte er nur zweimal mit Menschen geredet, die es nicht auf sein Leben abgesehen hatten. Die beiden rdeten fast den ganzen Vormittag lang beim Wandern. Dabei fiel Rodge auf, dass Alija selbst, wenn sie etwas erzählte oder konzentriert zuhörte niemals aufhörte, ihre Umgebung zu beobachten. Die Aufmerksamkeit und Vorsicht schienen ihr in Fleisch und Blut übergegangen zu sein. Ständig streifte ihr wachsamer Blick über die Landschaft und durchsuchte sie nach Anzeichen für eine mögliche Bedrohung.
Den größten Teil der Zeit redete Rodge. Er erzählte von seinem Leben im Haus seiner Eltern, von ihren Ländereien und davon, wie seine Eltern ab und zu zum Tauschen ins Dorf gegangen waren. Es war diese beiläufige Bemerkung, die Alija auf einmal ernst werden ließ.
„Ich habe da gewohnt“ sagte sie schließlich. „Im Dorf. Als kleines Kind.“
Rodge sah sie aufmerksam an. Er spürte, dass das, was nun kommen würde, keine Ausgelassenheit vertrug, wie er sie eben noch verspürt hatte.
„Eines Nachts sind… Leute gekommen. Ein ganzer Haufen Leute. Sie haben meine Eltern bedroht, wollten etwas von ihnen haben. Ich selbst war noch ganz klein und habe kaum etwas verstanden. Ich stand auf der Treppe im Schatten, wo mich niemand sehen konnte. Als sie anfingen, laut zu werden und meine Eltern herumzuschubsen bin ich ins obere Stockwerk geflohen und habe mich in einem Schrank versteckt. Wenig später habe ich lautes Gebrüll von unten gehört, auch die Schreie einer Frau. Dann war es kurz still. Alle hatten das Haus verlassen. Als ich mich schließlich wieder aus dem Schrank heraustraute, war niemand mehr da. Dafür roch es komisch. Ich lief auf den Flur und bemerkte, dass die Leute das Dach angezündet hatten. Ich bin dann so schnell wie möglich die Treppe hinunter gerannt, laut weinend. Bevor ich unten durch die Haustür lief konnte ich noch einen letzten Blick auf…“ Alija schluckte. „…auf meine Eltern werfen. Sie lagen da, beide erschlagen in riesigen Blutlachen.“ Sie atmete tief durch. Dann erzählte sie weiter, mit sachlicher Stimme jetzt, monoton, fast gelangweilt.
„Das Haus brannte komplett nieder. Ich bin direkt in den Wald gelaufen. Ich hatte mir da mit meiner besten Freundin eine Hütte gebaut, in der ich schlief. Diese Freundin war es auch, die mich vorerst ernährte, indem sie mir regelmäßig etwas zu essen vorbeibrachte. Sie hat niemandem von mir erzählt, außer ihren Eltern, die mir daraufhin durch sie anboten, doch zu ihnen zu ziehen. Ich blieb im Wald. Als ich einige Monate im Wald gelebt hatte, ich war wirklich noch ziemlich klein, vielleicht fünf oder sechs, baute ich mir eine eigene Hütte, von der auch meine Freundin nicht wusste, wo sie war. Die alte Hütte diente nur noch als Treffpunkt. Mein Essen besorgte ich mir zunehmend selbst. Zumeist klaute ich es aus den umliegenden Dörfern. Mit vielleicht acht Jahren begann ich, mir mein Essen selbst im Wald zu erjagen. Ich stellte Fallen auf und baute mir primitive Waffen aus Stöcken und Dingen, die ich in den Orten klaute.“ Sie nickte langsam.
„Ja, das war mein Leben.“
„Das erklärt aber noch nicht, warum du so gut kämpfen kannst und woher du deine Waffen hast“, wagte Rodge einzuwenden, „Sowas findet man ja nicht alle Tage.“
Alija sah ihn mit einem seltsamen Gesichtsausdruck an.
„Vielleicht erzähle ich dir ja heute Abend den Rest der Geschichte. Für den Anfang weißt du schon ziemlich viel über mich. Ich glaube nicht, dass es außer dir jemanden gibt, dem ich das alles offengelegt habe.“
Rodge stutzte.
„Warum hast du es mir dann erzählt?“
„Nun ja…“ Sie zögerte. „Deine Geschichte gegen meine, oder?“

***

Am Abend rasteten sie in einem kleinen Gehölz am Fuße einer felsigen Steilwand. Von einer Seite durch den Berg, von den anderen durch Bäume von der Umwelt abgeschirmt vermittelte dieser Platz ein seltenes Gefühl der Sicherheit.
Rodge saß am Feuer und schnitzte mit einem Messer, das Alija ihm geliehen hatte, an einem Griff für das Sensenblatt. Er wollte keinen langen Stiel daran befestigen, um das Ganze nicht zu unhandlich zu machen. Seine neue Gefährtin sah ihm gedankenverloren dabei zu. Dann begann sie wieder zu reden.
„Die Waffen stammen von einem Händler.“
Rodge blickte auf.
„Du hast sie gekauft?“
„Nein.“
„Gestohlen?“
„Auch nicht … wirklich.“
„Was dann?“
Alija seufzte müde und strich sich mit der Hand über die Augen.
„Der Händler war tot, als ich ihn fand. Er war überfallen worden, kurz vorher. Ich hatte noch den Kampfeslärm gehört und war ihm nachgegangen, aber als ich da war sah ich nur noch, wie der Räuber mit seiner Beute verschwand. Auf dem Boden lag die Leiche des Händlers, der sich unvorsichtigerweise allein in die Outlands getraut hatte.“
„Du warst auch allein“ warf Rodge ein. Alija warf ihm einen mürrischen Blick zu.
„Das ist was anderes. Ich hatte keinen Eselskarren mit kostbaren Waren dabei. Ich konnte mich verstecken. Willst du meine Geschichte nun hören oder nicht?“
„Will ich. Tut mir Leid.“
„Also, ich ging natürlich zu den Überresten des Wagens, um herauszufinden, ob es da etwas zu holen gebe. Die brauchbaren Dinge schienen alle weg zu sein. Nur ein alter Sattel lag noch da, den der Händler wohl dabeigehabt hatte, um auf seinem Esel auch reiten zu können, wenn er ihn nicht gerade zum Ziehen des Karrens brauchte. Das Tier selbst hatte der Räuber mitgenommen, um seine Beute darauf zu transportieren. Ich wollte mich eben wieder umdrehen, als ich etwas glänzendes bemerkte.“
Alija schien ganz in ihrer Geschichte gefangen zu sein. Mit glänzenden Augen starrte sie ins Feuer, wo sie die Szene, von der sie erzählte, erneut vor sich zu sehen schien.
„Ich sah mir die Sache genauer an. Aus einer der Nähte des Sattels blinkte mir etwas metallisches entgegen. Ich öffnete die Naht ein Stück weit und hatte bald einen Dolch in der Hand. Die Waffe war makellos, rasiermesserscharf und, soweit ich das beurteilen konnte, von guter Qualität. Niemand ist heute noch in der Lage, eine solche Klinge herzustellen. Neugierig schnitt ich den Sattel weiter auf. Ich fand noch einen Dolch wie den ersten und fünf Wurfmesser, ebenfalls in äußerst gutem Zustand. Der Händler muss wohl vorgehabt haben, sie im nächsten Ort teuer zu verkaufen. Er hatte sie versteckt, damit ihm bei einem eventuellen Überfall nicht das Wertvollste genommen würde. Doch genau das ist passiert. Ihm wurde das Leben genommen.“
Alija schwieg. Doch Rodge wollte mehr wissen.
„Was ist dann passiert?“
Die junge Frau hob ihren Blick und schaute ihm direkt in die Augen. Er erschrak. Ihr Gesichtsausdruck war auf einmal kalt, vollkommen gefühllos.
„Ich habe ihn getötet.“
„Wen?“
„Den Banditen. Ich habe die Waffen anmich genommen, bin ihm hinterher geschlichen und habe ihn rücklings niedergestochen. Mein erster Mord. Ich war etwa zehn.“
Rodge schwieg. Er hatte den Blick gesenkt und sah in die Flammen. Die Vorstellung, dass dieses junge, so zart wirkende Mädchen dort drüben, sie konnte noch nicht älter als 17 oder 18 Jahre sein, schon im Alter von zehn Jahren einen Menschen umgebracht hatte, war für ihn schwer zu verwinden. Doch Alija war noch nicht fertig.
„Nach diesem Erlebnis ging ich zurück in mein Dorf. Ich zeigte mich nicht öffentlich, aber ich besuchte viele der Einwohner, alle, von denen ich dachte, dass sie mir sagen könnten, wer damals am Mord an meinen Eltern beteiligt war. Die Namen, die ich herausfand, schrieb ich auf eine Liste.“
Sie Zog einen kleinen, zerfledderten Zettel hervor und betrachtete versonnen die handschriftlichen Notizen darauf. Rodge konnte zwar keinen der Namen erkennen, aber er sah, dass schon einige durchgestrichen waren.
„Ich jage die Mörder meiner Eltern. Das ist die Aufgabe, die ich mir selbst gegeben habe. Seit dem Tag, an dem ich diese Waffen fand, übe ich jeden Tag damit. Das Verstecken, Schleichen und die Fähigkeit, mich im verborgenen zu bewegen, hatte ich durch mein Leben in der Wildnis schon längst vervollkommnet. Ungefähr die Hälfte der Personen habe ich schon erwischt. Und der Rest folgt auch noch.“
Sie steckte den Zettel wieder weg und sah Rodge herausfordernd an.
„Und, wie sieht’s aus? Immer noch Lust, mit mir zu reisen?“
„Ich…ich weiß nicht…“
Alija seufzte abermals.
„Du kannst dich entscheiden, wie du willst. Zwei Dinge bitte ich dich jedoch, zu bedenken: So gefährlich ich auch für die anderen bin, du hast von mir nichts zu befürchten. Du warst nicht dabei, als meine Eltern gestorben sind, also bin ich auch nicht hinter dir her. Und zweitens: Du kannst mich zwar wegschicken, aber ich habe meine Gründe, dir zu folgen. Du kannst dich also entscheiden: Mit mir als Gefährtin reisen oder mit mir als Schatten.“
Rodge hatte sich wieder gefasst. Er betrachtete sie mit traurigen Augen. Leopolds Augen.
„Du brauchst mir nicht zu drohen. Ich würde mir ohnehin nicht anmaßen, dich zu verurteilen. Niemand sollte das, der nicht erlebt hat, was du erlebt hast.“
Ein paar Sekunden lang schauten sich die beiden in die Augen, und spürten, dass sie sich gegenseitig verstanden. Schließlich stand Alija auf, ging zu ihrem Bündel, das auf seiner Seite des Feuers lag und hob es auf. Rodge sah ihr verwirrt zu.
„Gehst du?“
„Die erste Nachtwache ist meine. Leg dich hin.“
Auf dem Rückweg kam sie an ihm vorbei. Sie zögerte kurz.
„Und … danke“, sagte sie schließlich, fuhr ihm scheu mit den Fingern durchs Haar und kehrte schließlich an ihren Platz zurück.
Rodge wickelte sich in seine Decke und war innerhalb weniger Minuten eingeschlafen.

***

Mitten in der Nacht weckte sie ihn zur Wachablösung. Während Alija sich in ihren Umhang kuschelte, setzte Rodge sich ans Feuer. Er hatte den Griff seiner neuen Waffe bereits fertiggestellt und versuchte nun, Das Sensenblatt daran zu befestigen. Dazu standen ihm einige Meter Bindfaden zur Verfügung, die er sich von Alija hatte geben lassen. Während er so an seinem eigenwilligen Schwert bastelte, begann er, über seine Begleitung nachzudenken.
Alijas Bericht über ihren bisherigen Lebensweg hatte ihn stark beeindruckt. Er merkte, dass sein Respekt ihr gegenüber dadurch noch gewachsen war, ja, dass er sie dafür bewunderte, wie sie mit den Problemen, die ihr Leben ihr am laufenden Band zuteil werden ließ, fertig wurde. Ohne Zweifel war diese junge Frau eine unheimlich starke Person, doch er meinte, hinter der Fassade aus überlegenen Fähigkeiten und unbeeindrucktem Stolz mitunter etwas zartes, verletzliches zu erahnen, etwas, das die Gefühle barg, die das Mädchen sich nach außen hin verwehrte. War dies alles zunächst nur eine unbestimmte Vermutung gewesen, so hatte sich, als sie ihre Geschichte erzählt hatte, die Gewissheit in ihm breit gemacht, dass Alija, ähnlich wie Rodge, zwei Persönlichkeiten in sich barg. Einen neuen Namen schien sie dafür nicht zu brauchen – Alija kam ihm nicht gerade wie ein Kriegerinnenname vor – doch auch sie schien einen Teil von sich wegzusperren, einen Teil, der Leopold ähnlich war und nicht Rodge. Durch die langen Jahre der Einsamkeit hatte sie diesen Teil von sich wesentlich besser unterdrücken gelernt, als Rodge in seinen nicht ganz zwei Wochen, aber trotzdem war er noch da und zeigte sich hin und wieder.
Rodge legte seine im Werden begriffene Waffe beiseite, da es ihm nicht gelingen wollte, die beiden teile fest aneinander zu fügen, und sah stattdessen seine schlafende Weggefährtin an. Ihr schwarzer Umhang bedeckte den seitlich liegenden schlanken Körper vollständig und ließ seine Form nur erahnen. Einzig das Gesicht und eine Hand waren im Schein des Feuers klar zu erkennen. Rodge musste lächeln. So erfahren, geschickt, stark und erbarmungslos sie sich am Tag geben musste, beim Schlafen sah Alija einfach nur wie eine ganz normale junge Frau aus. Eine auffallend hübsche junge Frau freilich, aber doch auf keinen Fall wie eine geheimnisvolle Schattengestalt, die Stück für Stück ihre Todesliste abarbeitete. Rodge merkte, dass sein Argwohn ihr gegenüber, der bei ihrer Eröffnung, sie bringe seit dem Alter von zehn Jahren regelmäßig Leute um, jäh aufgeflammt, inzwischen wieder verloschen war. Zwar fuhr ihm noch immer ein kalter Schauder über den Rücken, wenn er daran dachte, dass eine junge Frau ihre gesamte Jugend damit verbrachte, Rache zu üben, aber inzwischen fiel es ihm nicht mehr so leicht, eine Verbindung zwischen diesem erschreckenden Bild und dem Mädchen herzustellen, dass da friedlich schlummernd auf der anderen Seite des Feuers lag. Natürlich hatte sie ihm all diese Dinge erzählt, aber die Person, die er über den Tag kennengelernt hatte, war eine ganz andere und die Geschichte vom Tod ihrer Eltern sowie der gequälte Ausdruck, der beim Erzählen dieser Episode in ihre Augen getreten war, hatten sich tiefer in sein Hirn gebrannt, als die schrecklichen Szenen, die sie später beinahe emotionslos geschildert hatte. Im Laufe dieser Gedankenkette hatte sich Rodge immer mehr verflüchtigt. Inzwischen war es fast ausschließlich Leopold, der das Gesicht der Schlafenden nachdenklich musterte, bis er schließlich lächelnd den Kopf schüttelte und sich wieder sein unvollendetes Schwert griff. Er, der unerfahrene Neuling mit behüteter Jugend hatte in den Outlands eine schwarz gekleidete Serienmörderin getroffen. Statt aber sein Heil in der Flucht zu suchen hatte er mit ihr eine Reisegesellschaft gebildet und stellte nun unvermittelt fest, dass er die Killerin mochte. Und zwar mehr als nur ein wenig.

Verfasser: Hans Geske, mvjstorys.blogspot.de