Schattenseiten Teil 5 – von H. Geske

Nachdem Clara weg war, machte Leopold sich daran, das ganze Haus noch einmal gründlich zu durchsuchen. Einerseits hatte er immer noch keinen regenfesten Mantel gefunden, andererseits hatte die Begegnung mit der jungen Frau ihm klar gemacht, dass ihm noch etwas anderes fehlte. Leopold war auf der Suche nach einer größeren Waffe.
Natürlich war ihm klar, dass ihm auch ein Schwert oder etwas ähnlich großes nicht viel weiterhelfen würde, wenn ihn jemand wie Clara aus dem Hinterhalt angriff. Allerdings hatte allein ihr spöttischer Blick auf seine Sichel in ihm den Wunsch geweckt, sich mit etwas ehrfurchtgebietenderem verteidigen zu können. In diesem Haus schien es allerdings nichts passendes zu geben. Immerhin fand er eine Plane, aus der er sich mit der Sichel ein passendes Stück herausschnitt, um es bei Regen wie eine Decke um die Schultern legen zu können. Als er eben beschließen wollte, dass sein Waffenproblem überall zu lösen sei, nur eben hier nicht, fiel ihm der Schuppen ein, den er von außen gesehen hatte. Er schnappte sich sein Bündel, verließ das Haus und ging die paar Schritte bis zu der kleinen Bretterbude, in der er, wie es bei ihm zu Hause gewesen war, allerlei Gartengerät vermutete. In Gedanken an seine kürzliche Niederlage gegen einen rein körperlich eindeutig schwächeren Gegner sah er sich noch einmal gründlich um, bevor er das staubige Innere betrat.
Die Gartengeräte hier drin waren im Grunde die gleichen wie im heimischen Schuppen. Der Unterschied lag darin, dass sie zuhause ordentlich aufgereiht an der Wand hingen, während hier alles kreuz und quer durcheinander lag. Leopold sah sich verschiedene Hacken, Beile und Rechen an, konnte aber an keinem der Geräte so recht Gefallen finden. Manches war zu schwer, einiges taugte nicht zum Angriff und der Rest sah einfach nicht nach Waffe aus. Zu guter Letzt fiel Leopolds Blick auf eine alte Sense. Er hob das Gerät auf und wog es in der Hand. Schwer. Aber nicht zu schwer. Er prüfte die Klinge. Erstaunlicherweise war sie nur von einer dünnen Rostschicht überzogen, darunter aber noch intakt. Leopold verließ den Schuppen, um seinen Fund auszuprobieren.
Schon nach den ersten Schwüngen stellte er fest, dass er den Stiel würde auswechseln müssen. Das Holz war ein paar Mal zu oft nass geworden und hielt nicht mehr viel aus. Er dachte nach. Vielleicht empfahl es sich ja auch, den langen Stiel ganz wegzulassen, und stattdessen lieber einen kurzen Griff anzubauen, wie bei einem Kurzschwert? Diese Idee gefiel ihm nicht schlecht. Er beschloss, bei nächster Gelegenheit einen Versuch zu machen.
Nachdem er das Sensenblatt verstaut und auch einen neuen Schleifstein eingepackt hatte, der alte war mit seinem Rucksack verloren gegangen, brach Leopold wieder auf, um vor dem Abend noch ein paar Wegstunden zurückzulegen.

***

Als Leopold abends an seinem Feuer saß machte er sich wieder einmal Gedanken um Jackson und die Aufgabe, die dieser ihm gestellt hatte. Natürlich hatte dieser Typ ihm nicht das geringste zu sagen, geschweige denn ihm Hausaufgaben aufzugeben, aber nach der belustigten Reaktion von bereits zwei Leuten bei der Nennung seines Namens musste er sich eingestehen, dass „Leopold“ wohl kein Name für die Outlands war. Versonnen strich er über das Sensenblatt, von dem er gerade unter Verwendung seines Schleifsteins und einiger Büschel Gras Rost und Schmutz entfernt hatte und sah den Lichtreflexen zu, die das Feuer auf der nunmehr blanken Oberfläche verursachte. Plötzlich stutzte er. Was war das da auf der Klinge? Da war ein Schriftzug. Leopold sah genauer hin. „Rodge Sunderland“, hieß es da und klein darunter: „Gartengeräte“. Ach so. Leopold musste Grinsen. Einfach nur eine Herstellerprägung.
Mit plötzlich aufkeimendem Interesse nahm er seine Sichel zur Hand und suchte nach einer ähnlichen Prägung. Die Klinge war zwar nicht rostig, aber schmutzig und teilweise noch vom Blut des Banditen bedeckt, der wenige Tage zuvor durch eben diese Klinge gestorben war. Leopold schauderte, als er den Stahl mithilfe eines Grasbüschels reinigte. Dann sah er sich das Gerät noch einmal genau an. Im ersten Moment war nichts zu sehen und Leopold war fast ein wenig enttäuscht, doch dann entdeckte er doch noch etwas. Ganz nah am Griff gab es eine winzige Gravur. Leopold hielt die Sichel ganz nah vor seine Augen. Er brauchte eine Weile, um herauszufinden, in welchem Winkel das Licht des Feuers auftreffen musste, damit er den Schriftzug entziffern konnte. In winzigen, geschwungenen Buchstaben war dort eingeprägt: „Rodge Sunderland“.
Leopold lachte laut auf. Zwar fehlte hier die Unterzeile, aber es war doch klar, dass es sich um ein- und dieselbe Firma handelte. Das wäre ja fast ein Grund um…
Nein, das war zu albern. Die Leute würden ihn dafür auslachen.
Das hieß, würden sie das? Wie viele Menschen mochten wohl noch Kenntnis davon haben, dass es mal eine Firma namens „Rodge Sunderland“ gegeben hatte, die Gartengeräte hergestellt hatte? Kaum jemand, so viel war klar. Leopold probierte den Klang des Namens ein paar Mal aus.
„Rodge Sunderland. Rodge, Rodge, Rodge“
Abermals musste er lachen. Die Idee war albern, aber sie gefiel ihm. Sie war aus einer zufälligen Übereinstimmung von Belanglosigkeiten entstanden. Das erinnerte Leopold an sich selbst. Ja, ihm wurde gerade klar, dass auch er sich als nichts weiter verstand, als eine zufällige Übereinstimmung von Belanglosigkeiten. Ein Körper, ein Geist, eine Seele, zusammengewürfelt ohne System oder Prinzip, ein Leben, eine Verwandschaft, die nicht im geringsten auf die anderen Teile seines selbst abgestimmt waren, und das alles im Grunde so belanglos, wie das Leben und Sterben an sich. Leopold hätte schon wieder anfangen können, zu lachen, aber er befürchtete, nicht mehr damit aufhören zu können und letztendlich einer äußerst egozentrischen weil einsamen Form des Wahnsinns zu verfallen. Diese Vorstellung flößte ihm genug Respekt ein, dass er sich zusammenriss und nur ein bitteres Lächeln seine Lippen umspielte. Ja, die Idee war gut. Es sah so aus, als habe er seinen Namen gefunden.

Nicht lange danach hüllte sich Rodge in seine Decke und war kurz darauf eingeschlafen.

***

Die nächsten Tage vertrieb sich Rodge die Zeit während der Wanderung damit, sich selbst neu zu erfinden. Natürlich wusste er genau, dass der einfache Beschluss, von jetzt an selbstbewusster, mutiger, oder souveräner aufzutreten, ihn nicht zu einem Kerl wie Jackson machen würde, aber er spürte auch, dass mit dem neuen Namen auch eine neue Person in sein Leben getreten war. Leopold war der Junge gewesen, der von seinen Eltern beschützt und behütet in einem großen, einstmals prächtigen Anwesen aufgewachsen war. Rodge dagegen war ein Abenteurer. Zwar war er noch unerfahren, aber von nun an sah er seine ganze Wanderung von einer anderen Warte aus. Er war nicht mehr einfach der hilflose Jugendliche, der sich in einer fremden, feindlichen Umgebung durchschlagen musste. Von nun an war er ein junger Mann, der eine feindliche Umgebung durchstreifte, in der er zuhause war.
Bemerkenswerterweise führten diese Gedankengänge keinesfalls dazu, dass er das Ziel seiner Reise, nämlich wieder ein behütetes Leben bei seinem Onkel zu führen, in Frage stellte. Vielmehr blendete er es einfach aus. Er war auf dem Weg. Sein Ziel hieß Bucktopia. Was dann kommen würde, war für den Moment nicht wichtig.
Neben der neuen Sichtweise auf seine Wanderung und der daraus folgenden Begeisterung dafür hatte der neue Name jedoch noch eine andere Auswirkung. Der Gedanke an den Mann, den er getötet hatte, tat ihm nicht mehr weh. Die letzten Tage hatte er sich oft damit gequält, immer wieder hatte er die Szene durchlebt, immer wieder das Geräusch reißenden Gewebes gehört und dem Blick in die ungläubig aufgerissenen Augen des Sterbenden standhalten müssen. Doch Rodge war nicht Leopold. Rodge war ein Abenteurer, mutiger, entschlossener, draufgängerischer als sein alter ego, und dazu gehörte, dass er nicht den Schwanz einzog, wenn es drastisch wurde. Rodge war, trotz seiner mangelnden Erfahrung, abgebrüht genug, den Anblick eines Toten ohne mit der Wimper zu zucken zur Kenntnis zu nehmen. Und notfalls wieder zu töten.
Es war diese Seite seiner neuen Rolle, die Rodge manchmal Angst machte. Tagsüber war er solchen Anwandlungen gegenüber natürlich immun, aber wenn er abends am Feuer saß kam er oft ins grübeln. Zu dieser Zeit verblasste Rodge zum Teil, und der Junge, der da nachdenklich am Feuer saß, war zum größten Teil einfach Leopold. Und Leopold grauste es vor Gewalt, vor Mord und Totschlag. Am meisten aber grauste es ihm bei dem Gedanken, eines Tages selbst jemandes Leben zu nehmen, bewusst dieses Mal und ohne eine Miene zu verziehen oder dem Leichnam noch einen Blick zu gönnen. Das gehörte, wie er wusste, zu seiner Rolle als Rodge dazu. Und davor hatte er Angst.
Auf der anderen Seite wurde ihm bei diesen nächtlichen Grübeleien klar, dass Rodge auch nur einen Zweck erfüllte. Die Schonungslosigkeit und Kälte in Bezug auf seine Gegner befreiten ihn von der Last der Schuld, die Leopold beständig mit sich herumschleppen musste. Allein deshalb schon war Rodge besser für den Überlebenskampf in den Outlands geeignet. Die Frage nach Schuld kam für ihn erst nach dem Überleben. Für alles, was er im Zeichen seines Überlebens tat, fühlte Rodge sich nicht schuldig. Dadurch war er flexibler und kompromissloser in seinen Handlungen.

***

Eines Tages, er war gerade auf dem Weg durch ein kleines Wäldchen aus verwilderten Obstbäumen, hörte Rodge auf einmal einen Schrei. Er blieb kurz stehen, um zu lauschen. Kein Zweifel, da war irgendwo ein Kampf im Gange. Schmerzensschreie und solche, die im Eifer des Gefechts ausgestoßen wurden, Fußgetrappel und hin und wieder das Geräusch von schweren Knüppeln, die aufeinander oder auf Körper prallten. Leopold hätte sich jetzt wahrscheinlich aus dem Staub gemacht, oder sich einen Platz gesucht, um das Geschehen aus sicherer Entfernung verfolgen zu können. Rodge dagegen verhielt sich anders. Mit langen Schritten lief er in die Richtung, aus der die Geräusche kamen. Beim Laufen zog er seine Sichel hervor.
Schließlich kam Rodge an eine kleine Lichtung und wurde Zeuge eines höchst einseitigen Kampfes. Zwei muskelbepackte Kerle hieben mit großen Knüppeln auf einen Mann ein, der die Schläge so gut es ging mit einem langen Stock abwehrte. Über seine Stirn zog sich ein blutiger Kratzer und er schien mit seinen Kräften schon fast am Ende zu sein. Gerade gesellte sich ein dritter Kerl zu den beiden Knüppelmännern und fing ebenfalls an, auf den Einzelnen einzuschlagen. Am Boden lag das, was von den Begleitern des Stockkämpfers übrig war. Einer der beiden schien gleich zu Anfang ohne Vorwarnung von einem Pfeil getroffen worden zu sein. Seine Taschen waren durchwühlt, wohl das Werk des dritten der Räuber. Der Bogen und ein Köcher mit einem Pfeil lagen achtlos neben einem Baum. Weit schlimmer sah es bei dem zweiten Toten aus. Während sein Rumpf keine schweren Verletzungen aufwies, war von seinem Kopf nicht viel übrig geblieben. Wahrscheinlich hatte ihn einer der riesenhaften Knüppel seitlich getroffen, jedenfalls war der Schädel komplett zertrümmert und der Körper lag in einem unappetitlichen Brei, über dessen Herkunft Rodge lieber nicht zu lange nachdenken wollte. Auch seine Abgebrühtheit hatte irgendwo ihre Grenzen.
Mit drei großen Schritten war er bei den Kämpfenden angelangt. Ohne zu zögern hob er seine Sichel, um dem ersten der Männer die Kehle durchzuschneiden. Dieser hatte ihn jedoch scheinbar trotz des Kampflärms kommen hören, denn er drehte sich gerade noch rechtzeitig um und zwang Rodge durch einen Schlag mit seiner Keule zum Zurückweichen.
Rodge warf einen kurzen Blick auf seine Waffe und begriff, dass dies der Zeitpunkt war, an dem er eine größere hätte gebrauchen können. Der andere schien seinen Gedanken zu erraten. Mit einem höhnischen Grinsen ging er auf Rodge los. Der begriff, dass er nur geringe Chancen hatte, schon wieder so glimpflich davonzukommen, wie bei seinem letzten Abenteuer dieser Art. Vor allem nahm er sich vor, unter keinen Umständen zu Boden zu gehen. Wenn er wieder liegend in die Augen eines stehenden, besser bewaffneten Gegners sehen müsste, wäre das vermutlich das Letzte, was er täte. Geschickt wich er den Schlägen des riesigen Kerls aus, der wie besessen auf ihn los ging. Ihm war klar, dass er sich schleunigst etwas einfallen lassen musste, um aus dieser unangenehmen Situation wieder herauszukommen. Sein Blick suchte die andere Seite der Lichtung ab. Auf einmal kam ihm eine Idee.

***

Der Kleine hatte es tatsächlich schon wieder geschafft. Er hatte sich in einen Kampf eingemischt, der ihn absolut nichts anging und steckte prompt knietief in Schwierigkeiten. Der Schatten bewegte sich am Rand der Lichtung, immer durch die Bäume gedeckt. Das Wurfmesser hatte er schon erhoben. Jetzt wandte der grobschlächtige Kerl ihm das Gesicht und damit auch den Hals zu. Der Schatten holte kurz aus.

***

Rodge warf seine Sichel in Richtung des Gesichts seines Gegners. Dieser war überrascht und stolperte kurz nach hinten, um auszuweichen. Als Rodge gerade nach vorne hechtete und unter dem Arm des Riesen durchtauchte, sah er ein silbriges Glänzen dort entlangfliegen, wo sich eben noch der Kopf des Banditen befunden hatte. Ohne sich weiter Gedanken darum zu machen warf er sich nach vorn, packte den herumliegenden Bogen und den einen Pfeil, der danebenlag, richtete sich beim Umdrehen in eine sitzende Position auf und schoss.
Mit seinem eigenen Pfeil in der Brust brach der Koloss zusammen.
Sofort sah Rodge sich nach seiner Sichel um, in der Absicht, sie zu schnappen und sich wieder in den ungleichen Kampf einzumischen, dessentwegen er überhaupt auf die Lichtung gestürmt war, aber in diesem Moment verpasste einer der beiden Räuber seinem Opfer einen so heftigen Hieb, dass dessen Stock entzweibrach und der Mann mit einem Kopftreffer zu Boden ging.
Die beiden Männer drehten sich um. Hass stand in ihren Blicken. Sie hatten sehr wohl mitbekommen, wie Rodges Kampf mit ihrem Kameraden ausgegangen war. Nun wollten sie ihn rächen. Einer der beiden entdeckte die Sichel im Gras. Sie lag nur wenige Zentimeter vor seinen Füßen. Er hob sie auf, hielt sie kurz hoch, um sie mir und seinem Kumpan zu zeigen, und ließ sie dann hinter seinem Rücken fallen. Die Botschaft war deutlich. Rodge schluckte.
Gerade, als die beiden Anstalten machten, sich in Richtung ihres nächsten Opfers auf den Weg zu machen, flogen zwei glitzernde Dinge durch die Luft. Das eine schlitzte dem vorderen der Banditen den Hals auf. Er fiel leblos zu Boden. EinStück weiter blieb das Wurfmesser, jetzt konnte Rodge erkennen, worum es sich handelte, in einem Baum stecken. Das zweite Messer flog auf den zweiten Räuber zu. Der war jedoch geistesgegenwärtig genug, seinen Kopf ein Stückchen zur Seite zu neigen. Die Klinge hinterließ einen langen Schnitt auf seiner Wange und fiel dann weiter hinten ins Gras.

***

Damit war das letzte Wurfmesser verbraucht. Ein leiser Fluch drang aus dem Dickicht, nicht laut genug, um auf der Lichtung gehört zu werden, aber deshalb nicht weniger inbrünstig. Von nun an würde sich alles um die Nahkampfwaffen drehen.

***

Das überrumpelte Ex-Bandenmitglied warf einen schnellen Blick zu dem Gebüsch, aus dem die Messer gekommen waren. Dann stürmte der Kerl plötzlich los, überquerte die Lichtung und zerrte Rodge, der waffenlos und zudem ziemlich überrumpelt war, ins Gebüsch. Der Räuber schien sich da einigermaßen sicher zu fühlen. Jedenfalls kümmerte er sich, nach einem misstrauischen Blick in die Runde, erst einmal nicht mehr um denjenigen, der für die Wurfmesserattacke verantwortlich war, sondern beugte sich tief zu Rodge hinunter und hielt ihm ein Messer an die Kehle, das er aus seinem Gürtel gezogen hatte.
„Jetzt mein Freund kommt die Rache“ wisperte er ihm zu.
„Ich weiß zwar nicht, was dich zu deinem Heldenmut bewogen hat, aber was immer es ist, du hast jetzt noch drei Sekunden Zeit, es aus tiefstem Herzen zu verfluchen.“
„Ich glaube nicht, dass drei Sekunden für all diese Dinge reichen“ erwiderte Rodge. Immerhin, eine halbwegs unbeeindruckte Antwort zum Schluss. Nicht so souverän, wie er es gerngehabt hätte, aber für einen Anfänger auch nicht ganz schlecht.
Der Bandit schenkte ihm ein spöttisches Lächeln und setzte die Klinge an seinem Hals an.
Auf einmal die gleiche Situation nochmal. Neulich, der krumme Wegelagerer. Das Blut aus dem Hals, warm und in pumpenden Stößen. Der erschrockene, ungläubige Blick, ganz genauso.
Aber dennoch eine andere Situation, ein anderer Mensch, ein anderer Tag. Doch woher das Blut? Er hatte doch seine Sichel gar nicht mehr?
Rodge stieß den Körper von sich weg. Vor ihm stand eine Gestalt, nicht sehr groß, in einen schwarzen Umhang gehüllt. In der Hand hatte sie einen blutigen Dolch. Ein paar Sekunden lang sahen sich die beiden schweigend an. Dann ergriff Rodge das Wort.
„Danke. Ich war ganz schön am… naja, danke jedenfalls. Warum hast du das gemacht? Wer bist du?“
„Die Einzelheiten klären wir später“ sagte die Gestalt und Rodge zuckte zusammen. Nicht, weil die Stimme so furchteinflößend gewesen wäre, nein, eher im Gegenteil. Sie war so hoch, klar, so gar nicht passend zu dem Krieger, der hier vor ihm stand. Wobei… bei näherer Betrachtung war die Gestalt wirklich klein. Auch war die Statur nicht gedrungen , sondern eher schlank, mit durch den Umhang verschleierten Kurven, die erst zum Vorschein kamen, wenn man die Person in der dunklen Kleidung einmal ganz genau betrachtete, und die…
Rodge war fassungslos.
„Du bist ein… ein… ein Mädchen!“

Verfasser: Hans Geske, mvjstorys.blogspot.de