Schattenseiten Teil 4 – von H. Geske

Was für ein merkwürdiges Schauspiel. Eben von der Jagd zurückgekehrt hatte der Schatten beobachtet, wie plötzlich ein Mann, etwas älter als das Ziel seiner Beobachtung, aus dem Dickicht gestolpert war, sich mit dem erschrockenen Jungen unterhielt um sich gleich darauf mit ihm ans Feuer zu setzen. Kannten sich die beiden? Die schnelle Annäherung mochte darauf hinweisen, aber der vorsichtige Abstand, den sie voneinander hielten, deutete auf das Gegenteil hin. Sie hatten sich zusammen ans Feuer gesetzt und vertrieben sich den Abend mit dem Austauschen kurzer Bemerkungen, über die sie jedes Mal in schallendes Gelächter ausbrachen. So entspannte Stimmung, so viel Sorglosigkeit bei zwei Menschen, die sich zuvor noch nie begegnet waren?
Dann war eine ruhigere Phase gefolgt, in der der Junge scheinbar viel zu erzählen hatte, bis sich die beiden schließlich zum Schlafen hinlegten. Fast hatte der heimliche Beobachter es als beruhigend empfunden, dass jeder der beiden dabei wieder seine Waffe umklammert hielt, der Kleine sein lächerliches Gartengerät, der Fremde eine Pistole. Da war es wieder, das gute alte Misstrauen, das hier draußen schon manch einem den Hals gerettet hatte. Das war Alltag, Normalität. Damit ließ sich umgehen.
Früh am nächsten Morgen war der Fremde dann aufgestanden und hatte seine Sachen zusammengepackt. Der Schatten auf dem Hügel hatte sich schon kampfbereit gemacht für den Fall, dass der Typ dem Kleinen doch ans Leder wollte, doch bis auf einen kurzen Blick wurde dem Schlafenden keine Beachtung zuteil. Ohne ihn oder seine Sachen auch nur anzurühren hatte sich der Kerl mit dem Flickenmantel wieder auf den Weg gemacht. Ein komischer Kauz. Aber auch ein Typ, den man sich merken sollte.

***

Als Leopold am nächsten Morgen aufwachte war Jackson verschwunden. Beunruhigt durchsuchte er seine Taschen und seinen Proviantbeutel, aber es schien nichts zu fehlen. Der andere schien sich einfach wieder auf den Weg gemacht zu haben, ganz ohne böse Absichten. Jedenfalls ohne erkennbare böse Absichten.
Nachdem er seine Habseligkeiten zusammengesucht hatte, viel war es ja nun wirklich nicht, machte Leopold sich wieder auf den Weg. Er wusste nicht, wie weit er inzwischen vorangekommen war, aber er hatte das Gefühl, Bucktopia schon ein gutes Stückchen näher gekommen zu sein.

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Der Tag verging, ohne dass erwähnenswerte Dinge passierten. Leopold wanderte durch eine weite, hügelige Landschaft, auf der die wenigen Bäume wahllos verstreut lagen. Die verrosteten Überreste eines Mähdreschers sagten ihm, dass sich hier wohl einmal Ackerflächen befunden hatten. Einmal sah er in der Ferne eine alte Scheune, näherte sich ihr aber lieber nicht, weil dies einen Umweg von einigen Stunden bedeutet hätte. Eine ganze Weile lang wanderte er an einem Wald entlang. Er hielt sich etwas hundert Meter entfernt von dem Gehölz und überlegte ständig, ob es auf der leicht überschaubaren Wiesenlandschaft oder im Schutz der Bäume sicherer war. Letztendlich blieb er, wo er war. Er zog es vor, eventuelle Gegner rechtzeitig zu sehen, auch wenn das hieß, auch von ihnen früh gesehen zu werden.
Abends schlug er sein Lager mitten zwischen hohen Maispflanzen auf. Der Mais musste hier einst angebaut worden sein. Nach der Katastrophe, als sich niemand mehr darum kümmerte, hatte er wohl nicht, wie so viele Ackerpflanzen, den Rückzug angetreten, sondern sich inmitten der wilden Natur, die nach und nach wieder alles überzog, durchgesetzt. Das Ergebnis waren kleine unregelmäßige Flächen, auf denen der Mais so dicht stand wie früher. Leopold hatte sich Mühe gegeben, so wenig wie möglich Pflanzenstängel zu knicken, als er sich in das Zentrum einer solchen Fläche vorgearbeitet hatte. Dort angekommen schuf er sich etwas Platz und grub in der Mitte der kleinen Freifläche eine Mulde in den Erdboden, in der er ein Feuer entzündete. Dann saß er gemütlich an seinem Feuer und briet sich Maiskolben, ein Vergnügen, von dem er bisher nur in Büchern seiner Eltern gelesen hatte und dass ihm das Gefühl gab, ein Kind früherer Tage zu sein.

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Der nächste Tag brachte einen kurzen Regenschauer am frühen Morgen. Verärgert stellte Leopold fest, dass seine Kleidung keinesfalls für schlechtes Wetter geeignet war. Wütend stapfte er über den matschigen Boden. Er war ohne Frühstück aufgebrochen, gleich, als der Regen ihn geweckt hatte. Die Bewegung war die einzige Maßnahme gewesen, die ihm gegen eine drohende Erkältung eingefallen war. Bloß nicht kalt werden! Genau genommen hatte er nicht die geringste Ahnung, ob ihm das Wandern irgendwie helfen würde, zumindest war es etwas weniger unangenehm, als in den nassen Sachen herumzuhocken.
Schon eine Viertelstunde nach seinem Aufbruch hörte der Regen auf. Die Wolkendecke, die sich scheinbar über Nacht gebildet hatte, brach auf und innerhalb einer weiteren halben Stunde waren nur noch ein paar winzige weiße Wölkchen am Himmel zu sehen. Langsam ging es Leopold besser. Seine Kleider begannen zu trocknen und schließlich setzte er sich auf einen großen Stein, der am Rand eines zugewucherten Weges lag, und holte sein Frühstück nach.
Frisch gestärkt setzte er sich noch ein wenig in die Sonne, die zusammengerollte Decke als Kissen unter dem Kopf, und dachte nach. Es war klar, dass er dringend einen Mantel oder etwas ähnliches brauchte. Natürlich konnte er sich in Bucktopia alles ertauschen, was sein Herz begehrte, vorausgesetzt natürlich, er hatte bis dahin noch nicht alle seine Besitztümer gegen Essen eingetauscht, aber bis dahin war es noch ein weiter Weg und er konnte nicht davon ausgehen, dass er weiterhin so viel Glück mit dem Wetter haben würde, wie das in den ersten Tagen der Fall gewesen war. Er musste also schleunigst entweder jemanden zum tauschen finden, oder aber eines der leerstehenden Gebäude, an denen er manchmal vorbeiwanderte, betreten und nach einem geeigneten Kleidungsstück durchsuchen. Einen Moment lang dachte er sehnsüchtig an die Regenjacke, die sich in seinem Rucksack befunden hatte, aber die war endgültig verloren. Erinnern half nichts, er musste sich um etwas neues kümmern. Mit diesem Gedanken im Kopf stand er schließlich auf und machte sich wieder auf den Weg.

***

Zwei Stunden später sah Leopold in einiger Entfernung ein kleines Haus. Es schien früher mal das Haus des Bauern gewesen zu sein, der die umliegenden Felder bestellt hatte. Kein besonders reicher Bauer mit soundsovielen Arbeitern hatte hier gewohnt. Das Haus, fast schon eine Hütte, bot Platz für einen Bauern und seine Familie. Mehr nicht. Neben dem Haus schien es einen Schuppen zu geben und dahinter vermutete Leopold einen Stall, aber das erste konnte er aufgrund der Entfernung nicht so gut, das zweite überhaupt nicht erkennen, weil das Haupthaus im Wege stand.
Nach einer weiteren Stunde wandern war er bei dem Haus angekommen. Es war grob aus Brettern und Balken zusammengezimmert. Nur das Fundament war aus Stein. Das ganze Gebäude wirkte mehr als verwahrlost. Ein Fenster stand sperrangelweit offen, die anderen waren zugenagelt. Das Dach war mehrfach geflickt, irgendwann schien man das Flicken jedoch aufgegeben zu haben, oder, was wahrscheinlicher war, es war einfach keiner mehr zum Flicken dagewesen. Er beschloss, das innere des Hauses zu erforschen und durchquerte die schief hängende Gartenpforte.
Ärgerlich registrierte Leopold das Knirschen des Kieswegs unter seinen Füßen. Viel weniger unauffällig konnte man sich einem Gebäude wohl kaum nähern. Vor der Tür aus morschen Brettern machte er halt und lauschte ins Innere. Wind, der durch schmale Ritzen pfiff, das Knacken und Knarren des alten Gebälks. Sonst war da kein Geräusch. Vorsichtig öffnete Leopold die Tür. Ein langgezogenes Quietschen ließ ihn zusammenfahren. Natürlich. Jeder, der ein bisschen Hirn im Kopf hatte, hätte das weit offene Fenster genommen, aber er musste natürlich… Leopold seufzte innerlich und betrat das Haus.
Dunkelheit umfing ihn. Nur durch das Fenster drang ein bisschen Licht herein, der größte Teil des Raumes war aber in dämmrig-staubiges Halblicht gehüllt. Leopold ging ein paar Schritte in den Raum hinein und wartete dann, bis sich seine Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatten. Dann sah er sich um.
Im Grunde wie erwartet. Spinnweben und Staub auf den Überresten kaputter Möbel und anderer Dinge, die sich in verschiedenen, jedoch sämtlich in fortgeschrittenen Stadien des Verfalls befanden. Leopold machte ein paar Schritte auf einen Schrank zu, um dessen Inhalt zu erforschen, als ihn ein Geräusch von der Treppe zusammenfahren ließ. Da war jemand. Jemand, der sich äußerst leise und behutsam bewegte. Nur durch die Mithilfe einer knarrenden Stufe hatte Leopold überhaupt etwas gemerkt. Angestrengt starrte er die Treppe hinauf. Nichts zu sehen. Dort oben war kein Fenster mehr, es war stockdunkel. Leopolds Hand mit der Sichel zitterte leicht, als er begann, die Treppe zu ersteigen. Stufe für Stufe kam er dem oberen Stockwerk immer näher. Auf dem Treppenabsatz blieb er stehen und sah sich um. Vor ihm erstreckte sich ein Flur über die gesamte Länge des Hauses. Links und rechts führten Türen zu den einzelnen Zimmern. Durch ein kleines Fenster am anderen Ende des Flurs fiel etwas Licht herein und gab der Szenerie eine gespenstische Note.
Als Leopold eben zu dem Schluss gekommen war, dass es am günstigsten sei, die Räume nacheinander zu durchsuchen und sich dabei von einem Ende des Flurs zum anderen durchzuarbeiten, bemerkte er etwa auf der Hälfte des Flurs eine offene Tür. Äußerst angespannt legte er die kurze Strecke zurück und spähte in den Raum. Eindeutig leer. Kein lebendes Wesen. Dafür aber ein Lager. Leopold ging einen Schritt weiter, er stand nun im Türrahmen, den Blick auf die Ecke mit der eindeutig kurz zuvor benutzten Lagerstatt gerichtet. Eine abgetragene, schmutzige Umhängetasche lag da, die scheinbar als Kopfkissen gedient hatte. Daneben war ein Gürtel zu sehen. Ein Gürtel mit zwei Pistolen.
In diesem Moment beschlich ihn ein komisches Gefühl. Ein Kribbeln im Nacken verriet ihm, dass da jemand war, nicht in dem Raum mit dem Lager, sondern direkt hinter ihm. Leopold wollte herumschnellen um den anderen ins Blickfeld zu bekommen, aber es war schon zu spät. Eine Hand zog seinen Kopf nach hinten und er spürte, wie etwas glattes, scharfes an seinen Hals gehalten wurde.
„Versuchs gar nicht erst!“ zischte ihm jemand ins Ohr. „Machst du nur eine Bewegung, die mir nicht gefällt, bist du tot.“
Leopold, der weit davon entfernt war, irgendetwas zu versuchen, ließ seine Sichel fallen. Er wollte jedes Missverständnis vermeiden, dessen Folge eine rasche Bewegung dieses Messers an seinem Hals sein konnte.
„Ist das deine einzige Waffe?“ fragte die Stimme an Leopolds Ohr.
Leopold versuchte, zu nicken, besann sich aber gerade noch rechtzeitig eines besseren.
„Ja.“ brachte er schließlich krächzend hervor.
„Gut.“
Leopold fühlte sich nach hinten gezogen.
„Setz dich doch!“
Ohne Widerstand zu leisten ließ er sich auf den Boden plumpsen.
Eine dunkle Gestalt huschte an ihm vorbei zu dem Nachtlager und griff nach dem Waffengürtel.
Als die Gestalt den Gürtel umgeschnallt hatte, wurde sie auf einmal ganz ruhig. Beinahe lässig drehte sie sich zu ihm um. Ja, sie, es handelte sich um eine junge Frau. Unter der dunklen Kapuze blitzte eine Sonnenbrille hervor. Der Rest des Gesichts wurde von einem Tuch verdeckt. Die Füße der Frau, über deren Alter und Gesichtszüge Leopold aufgrund ihrer Vermummung nicht einmal begründet spekulieren konnte, steckten in braunen Wildlederstiefeln, der Rest der Kleidung war dunkel und unauffällig. Um die Schultern hatte sie einen abgewetzten, ehemals schwarzen Mantel geschlungen. Die Gestalt als Ganzes wirkte wie eine Mischung aus einer Piratenbraut und einem Ninja mit Sonnenbrille. Sie kam ein paar Schritte näher und man hörte ihr spöttisches Lächeln, als sie fragte:
„Du bist noch nicht lange unterwegs, was?“
Leopold schüttelte den Kopf.
„Nein, noch keine ganze Woche. Und eigentlich ist mir das auch schon genug.“
Die Frau nickte.
„Verstehe.“
Einen Moment lang herrschte Stille, und Leopold hatte das Gefühl, genauestens gemustert zu werden. Schließlich brach seine Bezwingerin das Schweigen.
„Was suchst du hier?“
Aus irgendeinem Grund hatte Leopold das Gefühl, eine Lüge sei hier fehl am Platze. Andererseits hatte er keine Lust, sich noch lächerlicher zu machen, indem er erzählte, dass er auf der Suche nach einem brauchbaren Mantel war.
„Wollte nur mal gucken, ob hier noch was brauchbares rumliegt.“
Ein bisschen beschämt ob seiner kläglichen Situation sah er zu Boden.
„Du kannst jetzt auch wieder aufstehen.“
Leopold rappelte sich hoch und starrte sie mit großen Augen an.
„Was soll das? Was willst du von mir? Und wer bist du überhaupt?“
„Ich bin von Natur aus sehr misstrauisch. Ich versuche, mir Überraschungen zu ersparen und du hast mich überrascht. Das ist alles. Nichts weiter.“
„Du hast nur auf die Hälfte meiner Fragen geantwortet.“
Die Fremde nickte.
„Du hast Recht. Aber würdest du einem Fremden einfach so verraten, wer du bist?“
Leopold gab keine Antwort. Ein paar Sekunden lang schwebte die Frage im Raum.
„Mein Name ist Clara“, sagte sie schließlich, „der Rest ist etwas komplizierter. Wenn dir das nicht reicht, kann ich dir nicht helfen.“
Clara bückte sich nach ihrer Tasche. Dann warf sie sie sich über die Schulter und sah ihn an.
„Und wer bist du?“
„Ich heiße Leopold“ sagte Leopold und wurde rot. Er erinnerte sich an Jacksons Reaktion auf diesen Namen und verfluchte sich innerlich dafür, sich nicht schon längst einen anderen überlegt zu haben.
Und richtig: Ein Zucken in Claras Gesicht verriet ihm, dass ihre Augenbraue gerade gute zwei Zentimeter nach oben gewandert war.
„Leopold … “ ließ sich ihre spöttische Stimme vernehmen. „Zweifellos der Name eines künftigen Helden. Jedenfalls unverwechselbar.“
Mit zwei schnellen Schritten war Clara an der Tür. Auf der Schwelle blieb sie noch einmal stehen, hob die Sichel auf, die immernoch auf dem Boden lag, und reichte sie Leopold.
„Wenn ich dir einen Tipp geben darf, Leopold – das hier ist vielleicht ein bisschen wenig. Also, für einen künftigen Helden.“
Mit einer schnellen Handbewegung schob sie ihre Sonnenbrille nach unten und eine Sekunde später wieder zurück. In der kurzen Spanne dazwischen jedoch konnte Leopold, obwohl sie im Schatten stand, erkennen, dass sie ihm zuzwinkerte. Als er wieder fähig war, sich zu bewegen und ans Fenster zu gehen, war von Clara nichts mehr zu sehen.

Verfasser: Hans Geske, mvjstorys.blogspot.de