Schattenseiten Teil 3 – von H. Geske

Langsam stießen Fetzen von Wirklichkeit in sein Bewusstsein vor und vertrieben Stück für Stück Schlaf und Traumreste. Licht drang durch die geschlossenen Augenlider, das Gefühl der Decke, in die er sich eingewickelt hatte, auf der Haut und allmählich auch die Schmerzen, die das Liegen auf dem harten Boden verursachte. Leopold schlug die Augen auf. Es war schon heller Vormittag. Über ihm wölbte sich ein strahlend heller Postkartenhimmel und die Vögel zwitscherten laut, während sie über ihm hin- und herflogen. Als er sich aufrichtete merkte er nicht gleich, dass etwas fehlte. Verschlafen faltete er seine Decke zusammen und wollte sie gerade in den Rucksack stecken, nur dass da nichts mehr zum hineinstecken war.
Die Erkenntnis durchfuhr ihn wie ein Blitz. Jemand hatte den Rucksack geklaut! Irgendjemand musste ganz nah bei ihm gewesen sein und er hatte nichts bemerkt. Wie verletzlich er in diesem Moment gewesen war! Leicht hätte der Unbekannte ihm etwas antun können! Nun ja, genaugenommen hatte er ihm etwas angetan. Leopold dachte über all die Dinge nach, die er im Rucksack gehabt hatte. Einen großen Teil seines Proviants hatte er glücklicherweise in einem Beutel etwas abseits mit Steinen bedeckt, da er befürchtet hatte, wilde Tiere könnten die Lebensmittel riechen und sie aus dem Rucksack wühlen. Schnell warf er einen Blick an die Stelle, wo der Beutel versteckt lag. Ja, er war noch da.
Das war aber auch schon fast das Einzige. Das Messer, das er sich zum schnitzen und schneiden mitgenommen hatte war genauso verschwunden wie die Streichhölzer und die warmen Sachen, die er sich eingepackt hatte. Übrig geblieben waren nur die Decke, in der er geschlafen hatte, der Proviant, die Sichel, die aus der Hand zu legen er sich selbst in der Nacht nicht getraut hatte, und die Sachen, die er am Leibe trug und in denen er noch ein paar Kleinigkeiten versteckt hatte, Artefakte aus der Zeit vor der großen Katastrophe, die sich im Besitz seiner Eltern befunden hatten und für die er sich notfalls Nahrung eintauschen wollte. Derartige Überbleibsel aus der Zeit, als die Menschen mit ihrer Technik noch wahre Wunder zu vollbringe im Stande gewesen waren, waren, wenn sie noch funktionierten, äußerst gefragt.
Dennoch war das, was ihm blieb äußerst wenig. Leopold dachte über sein Dilemma nach, während er lustlos an einem Kanten trockenen Brotes herumkaute, sah aber keinen anderen Weg als den, einfach weiterzugehen. Wenn ihm der Verlust auch schwerwiegend erschien, so war doch nichts im Rucksack gewesen, das er unbedingt zum Überleben gebraucht hätte. Schließlich gab er sich einen Ruck, band die Decke und den Proviantbeutel mit seinem Gürtel, den er sowieso nur gebraucht hatte, um Dinge daran festzumachen, zusammen, warf sich das Bündel über die Schulter und marschierte los, die Sichel in der Faust.

***

Einige Stunden später, die Sonne hatte gerade ihren höchsten Punkt überschritten und machte sich nun an den Abstieg, stieg Leopold auf einen Hügel, um sich eine Übersicht über seinen weiteren Weg zu verschaffen und sich bei der Gelegenheit eine Pause zu gönnen. Die lange Wanderung hatte ihn sehr erschöpft. Fast schon ein bisschen belustigt dachte er daran, wie es ihm wohl mit dem schweren Rucksack auf dem Rücken ergangen wäre. Vermutlich hätte er schon nach der Hälfte der Zeit pausieren müssen und wäre auch noch lange nicht so weit gekommen. Gerade war er auf der Hügelkuppe angekommen und hatte sich ins stoppelige Gras sinken lassen, da hörte er Schüsse. Erschrocken fuhr er hoch. Schüsse hörte man äußerst selten. Zwar gab es genügend Feuerwaffen aus den verschiedensten Epochen, die überall auf der Erde kursierten. Von der Steinschlosspistole bis zur Panzerfaust war eigentlich alles zu finden. Woran es jedoch mangelte, war Munition. Zwar gab es einige Menschen, die sich auf die Herstellung von Pulver verstanden und auch in der Lage waren, Kugeln zu gießen, aber die so hergestellten Geschosse eigneten sich erstens nicht für Waffen jüngeren Datums, zweitens waren die Leute, die sich damit auskannten, äußerst dünn gesät. Aus diesen Gründen gingen die wenigen, die neben einer Waffe auch passende Munition besaßen, ausgesprochen sparsam damit um. Kein Schuss durfte verschwendet werden, weil die jeweilige Pulverladung kaum zu ersetzen war. Eben darum war davon auszugehen, dass das Geräusch abgefeuerter Pistolen nicht auf ein Zielschießen hindeutete, sondern auf eine echte Notsituation. Entweder für den, der geschossen hatte, oder für seinen Gegner.
Leopold war den Hügel wieder hinabgestiegen, immer in die Richtung der Schüsse. Inzwischen konnte er auch Schreie und hektische Schritte hören. Dann wurde alles still. Leopold ließ sich zu Boden fallen und robbte auf den Kamm einer Bodenwelle.
Vor ihm lag eine kleine Senke. An ihrem Grund lagen die Leichen eines Pferdes und einiger Männer, augenscheinlich Händler, sowie die Überreste eines aus Schrott zusammengebauten Pferdewagens. Der Wagen war wohl geplündert worden, jedenfalls standen nur einige aufgebrochene Kisten darauf, ansonsten war er leer. Wer immer diese Leute überfallen hatte, hatte so gut wie alles mitgenommen und keine Überlebenden zurückgelassen. Mit einer Mischung aus Neugier und Widerwillen machte Leopold sich auf den Weg in die Senke, um die offenen Kisten zu untersuchen. Es mochte schamlos erscheinen, aber in seiner Situation war er auf alles angewiesen, was er kriegen konnte. Mit vorsichtigen Schritten umging er die Leichen, kletterte schließlich auf den teilweise demolierten Karren und begann, die Kisten zu durchwühlen.
Wie er sich schon gedacht hatte, fand sich nichts brauchbares. Alles, was übrig geblieben war waren zwei kleine Beutel mit Saatgut, die er auf seiner Reise nicht würde brauchen können, das Kerngehäuse eines Apfels, ein kleines Kästchen voller grob geschmiedeter Nägel und jede Menge Sägespäne, die wohl etwas zerbrechliches hatten polstern sollen.
Enttäuscht stieg Leopold wieder vom Wagen und wollte ihn gerade umrunden, als ein dreckiger kleiner Mann hinter dem Gefährt hervorsprang. Der Mann hatte fettiges, langes Haar, einen Stoppelbart und einen gebeugten Rücken. Was Leopold jedoch weitaus mehr beeindruckte war das lange Schwert in seiner Hand und die Wildheit in seinem Blick. Ohne in der Bewegung innezuhalten hob der Mann das Schwert und ließ es auf Leopolds Kopf zusausen. Gerade noch rechtzeitig schaffte er es, seine Sichel zu heben und den Schlag zu parieren, indem er ihn mit der hohlen Seite der Klinge auffing. Er stolperte ein paar Schritte zurück und sah entsetzt, dass zwei weitere Wegelagerer hinter dem ersten aufgetaucht waren und mit langsamen Schritten und einem irren lächeln auf den Gesichtern auf ihn zuhielten. Sie alle trugen mehr oder weniger zerlumpte Kleidung, in der Hand jedoch jeder ein scheinbar sorgfältig gepflegtes Schwert, das aussah, als hätte sein Besitzer es aus den Teilen eines kaputten Autos zusammengebaut, nichtsdestotrotz aber einen äußerst stabilen und scharfen Eindruck machte.
„Sie mal einer an“, sagte einer der beiden neu hinzugekommenen, „da ist ja doch noch einer übrig.“
„Hätte ich nicht gedacht“, grunzte der andere, ein gedrungener Kerl, der eine erstaunliche Ähnlichkeit mit einem Hängebauchschwein aufwies, „ich war tatsächlich der Meinung, wir hätten sie alle erwischt.“
„Oh,“ ließ sich der kleine Krumme vernehmen, der direkt vor Leopold stand, „meint ihr wirklich, dass der einer von denen ist? Ich habe so das Gefühl, er gehört gar nicht… zum Club…“
Beifälliges Gelächter aus der zweiten Reihe. Leopold brachte keinen Ton heraus. Aus ihm würde wohl nie ein Held werden. Ein Held hätte jetzt irgendeinen lässigen Spruch parat. Doch schon ergriff der Krumme wieder das Wort und erlöste ihn vom Zwang, etwas zu sagen.
„Naja“, knurrte er, „einer mehr oder weniger, darauf kommt es ja jetzt auch nicht mehr an.“
Bei seinem letzten Wort sprang er nach vorn und schwang seine Klinge. Leopold duckte sich weg, geriet dabei ins Straucheln und fand sich auf dem Boden sitzend wieder. Verzweifelt versuchte er, rückwärts von seinem Gegner wegzukrabbeln, um etwas Abstand und Zeit zu gewinnen, aber dieser Versuch war zum Scheitern verurteilt. Mit langen Schritten kam der Bandit hinterher, hob sein Schwert und ließ es auf Leopold niedersausen.
Im letzten Augenblick drehte Leopold sich zur Seite. Der scharfe Stahl durchschnitt die Luft und der Krumme taumelte. In diesem Augenblick drehte Leopold sich wieder zurück und schwang dabei mit der rechten Hand auf gut Glück die Sichel durch die Luft. Er hatte nicht gezielt, eigentlich auch gar nicht genau darüber nachgedacht, was er da eigentlich tat. Im Affekt schlug er das erste Mal mit seiner Waffe zu. Dem Ergebnis tat das jedoch keinen Abbruch. Leopold spürte, wie die Spitze der Sichel etwas traf, wie sie Gewebe durchschnitt und sich etwas warmes auf seine Hand ergoss. Schließlich öffnete er die Augen, die er beim umdrehen unwillkürlich geschlossen hatte. Er sah direkt in das erstaunte Gesicht des Banditen, der eben dabei war, das Gleichgewicht völlig zu verlieren. Unterhalb dieses Gesichts spritzte eine rote Flüssigkeit hervor und tränkte die beiden von oben bis unten. Mit einem schweren Plumps landete der tote Körper des Wegelagerers auf Leopolds höchst lebendigem. Einen Moment lang war er zu geschockt, um sich zu bewegen. Dann fielen ihm die anderen beiden Banditen wieder ein. Ohne einen weiteren Gedanken an die vorangegangene Szene zu verschwenden wand er sich unter der Leiche hervor und sah sich kampfbereit nach den Gefährten seines toten Gegners um.
Zwei weitere Leichen lagen im Rund der Senke. Leopold sah sie sich ungläubig an. Jeder von ihnen hatte ein Wurfmesser im Rücken. Eine große Blutlache hatte sich schon gebildet und begann gerade, sich mit der von ihm verursachten zu vereinigen. Er sah sich ängstlich um, aber es war niemand zu sehen. Schließlich nahm er die beiden Messer an sich und verließ diesen gespenstischen Ort.

***

Hinter den Überresten des Karrens regte sich etwas. Ein Schatten löste sich von den Umrissen des Gefährts und begab sich zum nächsten Hügel, um dem jungen Wanderer noch ein wenig nachzusehen.
Seine Gedanken kreisten um diesen jungen Mann. Die erste Einschätzung war wohl doch nicht so ganz richtig gewesen. Natürlich war der Junge unerfahren, aber am heutigen Tage hatte er sich gut geschlagen. Beinahe wäre alles schief gegangen. Zu spät, viel zu spät hatte der geheimnisvolle Fremde die Wegelagerer bemerkt. Wertvolle Zeit war verstrichen, während er auf Wurfweite herangeschlichen war. Schließlich hatte die Schattengestalt es geschafft, zwei der Wurfmesser ihr Ziel finden zu lassen, aber der dritte der Banditen hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon auf den kleinen gestürzt und ein gezielter Wurf, bei dem eine Verletzung des Kleinen ausgeschlossen werden konnte, war nicht mehr möglich gewesen. Das erste Mal auf seiner Reise war er in einer Gefahrensituation ganz auf sich gestellt gewesen. Dass er diese Situation so gut gemeistert hatte imponierte seinem Beobachter. Möglicherweise würde der Junge sich den Verhältnissen hier draußen doch noch anpassen und die Fähigkeiten entwickeln, die nötig waren, um in dieser Welt zu überleben. Mit ruhigen, sicheren Bewegungen, denen doch eine katzenhafte Eleganz eigen war, machte sich die schwarz bekleidete Gestalt wieder auf den Weg, immer hinter Bäumen, Büschen oder Hügeln verborgen, immer dem jungen Mann nach, der dort vorne mit langen Schritten seinem unbekannten Ziel zustrebte.

***

Erst einige Stunden später machte Leopold wieder halt. Die Szene mit den Banditen wollte ihm nicht aus dem Kopf. Noch immer schauerte er zusammen, wenn er sich an das Gefühl erinnerte, wie die Klinge seiner Sichel Muskeln und sehnen des Halses seines Gegners durchschnitten hatte. Sofort erinnerte er sich auch an das entsprechende Geräusch, das ihn immer noch zusammenfahren ließ. Immer wieder versuchte er sich klar zu machen, dass er in Notwehr gehandelt und gar keine Wahl gehabt hatte, dass er außerdem ja nicht einmal beschlossen hatte, den Mann zu töten, sondern es einfach passiert war, aber trotzdem blieb eine innerliche Schockstarre und das Gefühl, Schuld auf sich geladen zu haben. Erschöpft setzte er sich nieder und versuchte, mit auf dem Weg aufgelesenen Stöckern, dürren Zweigen und etwas trockenem Gras ein Feuer zustande zu bringen. Zu seinem allergrößten Erstaunen wurden seine Bemühungen schon nach kurzer Zeit belohnt. Bald hatte er aus seiner anfänglichen Glut ein kleines Flämmchen gemacht, das langsam auf die ersten Zweige übergriff.
Inzwischen war es dunkel geworden. Leopold saß an seinem kleinen Feuer und wärmte sich die Hände und ein Stück alten Schinken, Überbleibsel seiner Vorräte von zu Hause. Bald würde er sie aufstocken müssen, am besten im nächsten Dorf. Einige Dinge hatte er noch, die er eintauschen konnte, nicht viele, aber seiner Einschätzung nach genug, um damit bis zu seiner Ankunft in Bucktopia über die Runden zu kommen. Zumindest, wenn er sich beeilte.
Leopold breitete seine Decke aus und ließ sich darauf nieder. Ein anstrengender Tag lag hinter ihm, ein weiterer wartete bereits. Höchste Zeit, die Kräfte im Schlaf zu erneuern. Er schloss die Hand um den Griff seiner Sichel und kurz darauf die Augen.

***

Ein knacken aus dem nahen Gehölz. Wie von der Tarantel gestochen schnellte Leopold aus der Decke, die Sichel bereits in der Hand. Zwischen den Bäumen erschien ein junger Mann mit schulterlangen, braunen Haaren, überquerte stolpernderweise die Hälfte des abschüssigen Wiesenstückes zwischen ihnen und blieb etwa fünf Meter vor Leopold stehen. Der Mann schien etwas älter zu sein als Leopold, allerdings nicht viel. Vielleicht 25. Er trug einen langen Mantel, dessen Ursprüngliche Farbe nicht auszumachen war, da man nicht erkennen konnte, welches Stück ein Flicken und welches der ursprüngliche Stoff war, so oft war das merkwürdige Kleidungsstück repariert worden. Eine alte Schweißerbrille mit runden Gläsern hatte er sich in die Stirn geschoben. Unter dem farbenfrohen Mantel blitzte der Knauf einer Pistole hervor.
Die beeindruckende Wirkung dieser martialischen Aufmachung wurde leider von dem nicht sehr geistreichen Gesichtsausdruck geschmälert, den der Mann zur Schau trug. Irgendetwas schien sich nicht ganz so zu verhalten, wie er es angenommen hatte.
„Äh, Hallo…“ Verflixt, dachte Leopold, ich höre mich in etwa so intelligent an, wie der Typ da drüben gerade aussieht.
Der Mann gewann scheinbar seine Fassung zurück. Als erste Tat schloss er seinen Mund, der bis dahin halb offen gestanden hatte. Dann schickte er sich an, etwas zu erwidern.
„Hast du zufällig gerade jemanden vorbeikommen sehen? Etwas kleiner als ich, schwarzer Mantel, wirkte ziemlich geheimnisvoll.“
„Ich hatte bis eben die Augen zu, ich hab gar nichts gesehen.“ Unsicher sah Leopold sich um. Der Gedanke, dass schwarz vermummte und dazu noch mit dem Flair des geheimnisvollen behaftete Personen sich in unmittelbarer Umgebung seines Lagers herumtrieben war ihm unbehaglich. Sofort fühlte er sich an den Diebstahl seines Rucksacks erinnert und an die Leichen der Wegelagerer, deren geheimnisvolle Todesursache ihm immer noch zu denken gab.
Dann fiel ihm ein, dass das Ganze auch eine Farce sein konnte. Wer sagte ihm, dass sein Gegenüber ihm nicht irgendetwas vorlog, um sein misstrauen von sich ab-, und auf eine nicht existente Person zu lenken?
„Wer bist du überhaupt?“
„Jackson.“ Der Fremde grinste. „Bandit, Räuber, Kartenspieler. Zu Diensten. Und mit wem habe ich die Ehre?“
Leopold errötete. In solchen Momenten wünschte er sich einen Namen wie „Rockefeller“ oder „Jones“.
„Leopold“ sagte Leopold. „Aber du kannst mich Leo nennen.“
Jacksons linke Augenbraue wanderte in die Höhe, bis sie sich mit seinem Haupthaar zu vereinigen schien.
„Leo…pold… Noch keinen Kriegernamen abgekriegt?“
„Kriegernamen?“ Leopold war verwirrt. Dem anderen schien das nichts auszumachen. Gelassen schlenderte er zum Feuer und suchte sich einen Platz, der nah genug an dem von Leopold war, um sich mit ihm unterhalten zu können, aber weit genug entfernt, um vor einem eventuellen Angriff sicher zu sein.
„Du erlaubst doch?“ fragte er mit spöttischer Miene, ehe er sich, ohne eine Antwort abzuwarten, ans Feuer setzte. Leopold ließ sich auf seiner Decke nieder, sein Gesicht ein einziges Fragezeichen.
„Also, mein Junge, wenn du in den Outlands irgendwas gelten willst, solltest du dir dringend einen anderen Namen zulegen. Einen, der nicht nach Friseurlehrling oder Muttersöhnchen klingt. Ein Mann ohne Kriegernamen, das ist wie eine Pistole ohne Pulver, Ein Vulkan ohne Feuer, anders gesagt, es macht einfach keinen Spaß.“
„Ich soll mir also selbst einen Namen aussuchen? Aber was für einen?“
Jackson überlegte. „Es sollte etwas raues, männliches sein. Etwas, das deine Kraft und Wildheit betont. Deine Gegner müssen schon beim Klang deines Namens darüber nachdenken, ob sie wirklich deine Gegner sein wollen.“
„Hast du ein Beispiel?“
„Nicht irgendein Beispiel. Das beste. Den Namen, der all das aufs Vorbildlichste vereint.“
„Und der wäre?“
Der Langhaarige grinste.
„Jackson.“
Leopold seufzte.
„Ich kann mir ja wohl kaum deinen Namen geben.“
„Doch, das ginge schon. Du könntest Jackson Junior heißen. Nur, dass das ‚Junior‘ irgendwie eher niedlich klingt und das ist ja nicht wirklich der Sinn der Sache.“
Leopold sah seinen Gesprächspartner schief an.
„Willst du mich auf den Arm nehmen?“
„Aber ich doch nicht“ lachte Jackson und zwinkerte ihm zu.
Die nächste halbe Stunde verbrachten die beiden damit, verschiedene Namen zu sammeln, zu erproben und schließlich zu verwerfen. Schließlich fiel ihnen nichts mehr ein, was einigermaßen ausgewogen Respekt und Bewunderung sowie eine gewisse Sympathie hätte hervorrufen können. Als sie an einem Punkt angekommen waren, an dem jeder neue Name ihre Lachmuskeln stärker strapazierte, brach Jackson die Überlegungen ab.
„Ich glaube, das wird heute nichts mehr. Ich würde dir eine Vereinbarung vorschlagen. Wir unterhalten uns heute Abend nicht mehr über dieses Thema. Dafür hast du die Hausaufgabe, dir bis zu unserem nächsten Treffen einen passenden Namen auszudenken.“
„Einverstanden“, stimmte Leopold zu, „aber was ist, wenn wir uns nicht wieder treffen? Die Welt ist groß.“
Jackson schüttelte den Kopf.
„Die Welt ist ein Dorf, sagte man früher. Und noch etwas: Man trifft sich immer zweimal.“
Mit diesen Worten holte er eine Tabakspfeife und Pfeifenkraut, stopfte und entzündete sie und begann zu paffen.
„Mal was anderes. Was treibt dich eigentlich hier in die Outlands?“
Leopold wurde ernst.
„Ein Familiendrama, sozusagen. Willst du es wirklich hören?“
„Sonst hätte ich nicht gefragt.“
Und so erzählte er Jackson von dem geheimnisvollen Verschwinden seiner Eltern und seinem Plan, in Bucktopia seinen Onkel zu finden. Jackson schien kaum beeindruckt vom ungewissen Schicksal von Leopolds Eltern. Dafür war er fasziniert von allem, was mit Bucktopia zusammenhing. Zwar war er, wie er betonte, schon weit herumgekommen, aber von diesem riesigen Treffen in dem kleinen gleichnamigen Ort hatte er scheinbar noch nie gehört. Leopold erzählte ihm alles, was er darüber wusste. Viel war es nicht. Er selbst war ja auch noch nie dagewesen.
Nach seinem Bericht saßen die beiden ein paar Minuten lang einfach nur schweigend beisammen und dachten über das Gehörte und Erzählte nach. Dann löste Jackson die kleine Abendgesellschaft auf, indem er auf den anstrengenden Tag hinwies, den er morgen haben werde. Die beiden legten sich auf ihre Lager, das Feuer zwischen sich, und fielen bald in Schlaf. Die Sichel hatte Leopold wieder in der Hand.

Verfasser: Hans Geske, mvjstorys.blogspot.de