Schattenseiten Teil 2 – von H. Geske

Langsam sank die Sonne. Leopold sah mit gemischten Gefühlen zu, wie der große feurige Ball am Horizont verschwand und die Welt in Dunkelheit hüllte. Einerseits freute er sich darauf, nach einem durchwanderten Tag endlich schlafen zu können, andererseits war es seine erste Nacht außerhalb des Hauses seiner Eltern, das erste Mal, dass er sich den Gefahren der Natur, besonders aber denen der Menschen aussetzte. Er war sich seines Mangels an Erfahrung mit allen Arten von Gefahren, die ihm hier draußen lauern konnten, durchaus bewusst. Leider gab ihm dieses Wissen nicht den geringsten Anhaltspunkt, wie er sich zu verhalten habe. Leopold seufzte. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich so vorsichtig wie möglich zu verhalten und sich ansonsten auf sein Glück zu verlassen. Er suchte sich ein Plätzchen, das ihm ein Mindestmaß an Sicherheit verhieß, da es von einer Seite durch ein Gebüsch vor Blicken geschützt war, zerrte seine Decke aus dem Rucksack, wickelte sich darin ein und war innerhalb weniger Minuten eingeschlafen.

***

Schließlich senkte sich die Nacht über die weiten Ebenen. Zwischen den Sträuchern raschelte es ein bisschen. Ein ärgerlicher Laut folgte. Noch ein kurzes rascheln. Dann war es wieder still. Eine dunkle Gestalt kam lautlos aus dem Gebüsch, neben dem sich der Junge niedergelassen hatte und huschte zu einem einzeln stehenden Baum. Flink wie eine Katze war die Gestalt an dem glatten Stamm emporgeklettert und saß nun im Astwerk, gut verborgen vom dichten Laub. Durch eine Lücke behielt der Unbekannte den Schlafenden im Auge. Er konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. Wie rührend hilflos hatte sich dieser Neuling positioniert. Wie auf dem Präsentierteller lag er da und schlief wahrscheinlich so tief, dass man sich ruhigen Gewissens neben ihm hätte schlafen legen können, ohne dass er es vor dem nächsten Morgen bemerkt hätte.
Der schattenhafte Beobachter machte es sich auf seinem Ast bequem und beschloss, fünf Stunden lang zu schlafen. Fünf Stunden würden reichen und bis dahin würde der Kleine da unten mit Sicherheit noch nicht aufgebrochen sein.

***

Plötzlich das Geräusch von Schritten. Fast wäre der Schatten von seinem Ast gefallen, eine äußerst demütigende Art des Aufwachens, zumindest, wenn man eine geheimnisvolle Daseinsform darstellt. Sofort wanderte sein Blick auf den einsamen Schläfer dort unten.
Der Schläfer war gar nicht mehr so einsam. Neben dem Jungen, der gar nicht daran dachte, sich in seinem Schlaf stören zu lassen, war ein Mann aufgetaucht, vielleicht 35 Jahre alt, abgerissene, schmutzige Kleidung, und machte sich am Rucksack des Kleinen zu schaffen. Die Gestalt auf dem Baum glitt schnell von demselben hinunter und schlich sich näher. Der Rucksack war egal, aber wenn dem nichtsahnenden Frischling da etwas zustieß, gab es niemanden mehr, der den Schatten zu seinem Ziel führen konnte. Er kannte diese Art Räuber. Da wurde nicht einfach heimlich das Gepäck geklaut, wenn es ging wurde gleich jeder beseitigt, der sich eines Tages beschweren könnte. Richtig, der Bandit hatte den Rucksack geschultert und zog ein langes Messer, fast schon ein kurzes Schwert, augenscheinlich in der Absicht, es dem Schlafenden zwischen die Rippen oder in den Hals zu jagen. Doch der Schatten war schon zur Stelle. Ein Messer drückte sich gegen den dreckigen Hals des Räubers, während eine Hand seinen Kopf an den Haaren nach hinten zog.
„Nicht so schnell“ flüsterte es. „Da habe ich auch noch ein Wörtchen mitzureden.“
Der Bandit war starr vor Angst.
„Was willst du von mir?“
„Nein, nein, die Frage müsste ganz anders lauten. Was willst du von dem Jungen?“
„Ich bin ein armer Mann…“ keuchte der zerlumpte Kerl. Der Schweiß rann ihm in Strömen über die Stirn, aber er wagte es nicht, ihn wegzuwischen.
„Natürlich bist du das. Welcher reiche Mann würde sich auch ohne Weiteres außerhalb der Siedlungen herumtreiben?“
Zur Antwort kam nur ein Stöhnen.
„Nicht so laut, mein Freund, sonst wecken wir noch den Kleinen da und das wäre weder in meinem noch in deinem Interesse. Hör zu, ich mache dir einen Vorschlag.“
Der Fremde horchte auf. So hatte er sich das nicht vorgestellt.
„Du kannst den Rucksack behalten. Ich brauche ihn nicht und den Kleinen hält er nur auf.“ Die Stimme machte eine kurze Pause. „Damit machst du dich auf die Socken und lässt dich nie wieder irgendwo sehen, wo dieser Junge auftaucht, verstanden? Du wirst ihm nie mehr schaden und wenn du ihn durch Zufall mal irgendwo erblickst, trittst du sofort den Rückzug an. Das ist meine Bedingung. Können wir uns darauf einigen?“
„Natürlich…“ Das klang zu gut um wahr zu sein. Wo war der Haken?
„Gut“ sagte die Stimme, „dann haben wir ein Abkommen. Ich werde dir nicht auf Wiedersehen sagen, denn das wäre dein Tod. Tschüss.“
Der Mann spürte, wie sich der Griff der Finger in seinen Haaren lockerte. Gleichzeitig verschwand die Messerspitze von seinem Hals. Schnell wirbelte er herum, um zu sehen, wer ihn angegriffen hatte, aber da war niemand mehr. Hinter ihm war nur die Schwärze der Nacht. Der Bandit fröstelte. Er schnappte sich den Rucksack, der ihm heruntergefallen war, sah sich noch einmal ängstlich um und schlich sich davon, erst langsam und vorsichtig, dann immer schneller, bis er schließlich in gehetztem Galopp in die Dunkelheit entschwand.

***

Der Schatten sah ihn von seinem Baum aus in der Ferne verschwinden. Am Horizont bildete sich bereits ein schwacher rötlicher Streifen. Noch einmal warf die Gestalt auf dem Baum dem schlafenden jungen Mann einen Blick zu und beglückwünschte sich zu dem Einfall, den Räuber am Leben und mit dem Rucksack davonkommen zu lassen. Ohne schweres Gepäck würde er zweifellos schneller vorankommen. Noch ein Blick an den Himmel. Eine Stunde Schlaf würde noch möglich sein. Wie in schwarze Flügel wickelte sich das Wesen auf dem Baum in seinen Umhang ein und lehnte sich zurück.

Verfasser: Hans Geske, mvjstorys.blogspot.de