Jackson Teil 3 – von V. I. Clockwork

Es ist noch nicht ganz hell als ich aufwache. Auch der Junge schläft noch, doch ich habe keine Zeit für einen Abschied. Wer weiß, wie weit ich vom Weg abgekommen bin. Was dieser Morgen mit sich bringt, ist eine Richtung. Die Stadt liegt im Osten. Zumindest lag sie da, als ich dem Händler begegnet bin. Wer weiß wo sie jetzt liegt. Aber selbst wenn nicht. Die Erde ist rund also werde ich früher oder später ankommen.
Um einmal kurz klar zustellen, warum ich in die Stadt will, obwohl ich doch bereits alles was ich zu verkaufen hatte verkauft habe: Der Verkauf von geklauten Waren ist nicht mein einziges Einkommen. In der Stadt gibt es noch weitere Möglichkeiten zu Geld zu kommen.

Als ich nach Stunden eines langen Weges in Richtung Osten noch immer nichts wie eine Stadt erreicht habe, bin ich, ja tatsächlich ICH, kurz davor zu verzweifeln. Als ich zwei Männer sehe, überlege ich sogar sie nach dem Weg zu fragen.
Das ist unter meinem Niveau! Denke ich mir. Jackson der berüchtigte Bandit fragt nach dem Weg. So etwas albernes!
Allerdings muss ich mir eingestehen, dass ich keine großartige Chance hab. Ich gehe zu den Männern hinüber.
„Hey!“ Rufe ich und erstarre kurz darauf als ich das Gesicht des einen sehe. Es handelt sich um den Söldner, den ich freundlicherweise am Leben gelassen hatte. Ich fasse mich wieder als ich begreife, dass der Söldner ebenso überrascht ist mich zu sehen. Er grinst. Ich grinse ebenfalls und ziehe meine Pistole. Dieser Idiot! Er grinst immernoch, schüttelt nun aber den Kopf: „Willst du ernsthaft eine unbewaffnete Person angreifen?“ Er öffnet seinen Mantel um zu beweisen, dass er unbewaffnet ist.
Habe ich schon erwähnt, dass es für einen Banditen sogenannte Trockenzeiten gibt, in denen er niemanden vor seine Pistole bekommt? Außerdem gibt es sehr fruchtbare Zeiten in denen man einen nach dem anderen überfällt. Das hier ist eine sehr besondere Zeit, denn ehrlich gesagt, ist es auch für mich das erste mal. Ständig gerate ich ungewollt in eine Situation, in der ich kämpfen muss aber keinen Profit daraus machen kann.
„Ich bin Bandit!“ antworte ich „Das ist mein Job.“
Der Söldner zieht nun seinen Mantel aus und wirft ihn dem anderen hin.
„Bist du zu feige um zu kämpfen wie ein Mann?“ fragt er
Dieses Machogehabe ist eigentlich nicht mein Stil. Obwohl… eigentlich schon. Aber ohne Waffen kämpfen? Ein fairer Kampf? Das ist nicht mein Stil. Trotzdem ziehe auch ich meinen Mantel aus und werfe den Gürtel mit der Pistole weg. Auch der Rucksack landet auf dem Boden, lächele und ich sage: „Ich bin bereit!“
Erst stehen wir uns nur gegenüber und blitzen uns böse aber bedeutsam an. Es scheint als wolle jeder dem anderen Angst einjagen. Es ist wie stilles Bellen.
Bei einigen Nomaden habe ich den Spitznamen Werwolf erhalten, weil ich ein echtes Tier von Mann halb zerfetzt hab. Und all das nur wegen einer Frau… Also wegen seiner Frau, die sich nunmal für mich interessiert hat. Wie auch immer. Dieser komische Typ vor mir hat absolut keine Chance! Sowie er sich traut, auf mich los zugehen, ist er dran.
In dieser Sekunde wird mir etwas bewusst: Er denkt sich wahrscheinlich das selbe. Irgendeiner von uns muss den ersten Schritt tun.
Scheinbar haben wir auch diesen Gedanken wieder im selben Moment gedacht. Jedenfalls rennen wir nun beide aufeinander zu. Wir treffen uns in der Mitte des imaginären Rings und sofort hat er meine Faust im Gesicht und ich, seine im Bauch. Beide wanken wir einige Schritte zurück um kurz darauf wieder aufeinander los zugehen. Diesmal schlägt er auf mein Gesicht zu doch ich bin zu schnell und weiche aus. Hier sehe ich meine Chance und ramme meinen Kopf mit aller Kraft in seinen Bauch. Er taumelt zurück woraufhin ich ihm direkt noch einen Schlag ins Gesicht und einen Tritt gegen den Brustkorb verpasse. Dies ist der Moment in dem ich fragen sollte, ob er aufgibt. Dann würde er auf mich losrennen, mir eine nach der anderen verpassen, bis ich zurück taumele und dann würde er mich fragen ob ich aufgebe. Also spare ich mir das Geschwafel gleich und warte lediglich seinen nächsten Angriff ab.
Er schlägt in mein Gesicht, nein in meinen Bauch… Au! … Es war doch mein Gesicht.
Ich lasse mich fallen und trete ihm die Beine weg. Er landet neben mir auf dem Boden während ich aufspringe, mich über ihn beuge und ihm noch eine auf die Nase gebe. Er greift mich am Kragen und wirft mich zur Seite. Bevor einer sich wieder dem anderen widmen kann, springen wir beide auf und bleiben vorerst stehen. Wieder blitzen wir uns an. Für mich sieht es bisher besser aus auch wenn ich sagen muss, dass ich früher noch fitter war.
Wieder renne ich auf ihn los und bereue es sofort. Noch bevor ich meinen Schlag platzieren kann, spüre ich einen Stich in der Seite. Ich weiche zurück, taumele und sinke schließlich auf die knie. Die Hände auf dem Boden den Blick auf den in meinem Körper steckenden Dolch sitze ich da.
Der Söldner stellt sich vor mich und richtet meine Pistole in meine Richtung.
„Lass dir das eine Lehre sein!“ Sagt er mit einem zahnlosen Grinsen im Gesicht. Dann verschwindet er und auch der andere Mann. Mit ihnen verschwindet meine Pistole, mein Mantel und mein Rucksack.
Mir wird schwarz vor Augen und ich breche auf dem Boden zusammen.

***

Als ich aufwache, bin ich wider meiner Erwartungen noch am leben. Ich hatte mich innerlich bereits darauf vorbereitet, endlich zu erfahren, was tatsächlich nach dem Leben kommt. Auch wenn ich nie an einen Gott glauben wollte oder aufgrund meiner Lebensbedingungen einfach nicht konnte, so hatte ich doch gehofft, dass es so etwas wie ein Leben nach dem Tot gibt. Einfach um mich in der Gewissheit zu wiegen, dass ich für mein Überleben kämpfe, um im Tod sozusagen vorgesorgt zu haben. Doch da war kein Licht, kein Himmel, kein Gott! Aber wer weiß denn ob ich wirklich tot war. Jetzt war ich jedenfalls am leben.
„Geht es ihnen besser?“ Fragt eine junge Mädchenstimme, die ich auf Anhieb keiner bestimmten Richtung zuweisen kann. Mir ist immernoch schwarz vor den Augen auch wenn ich der Meinung bin, dass meine Augen geöffnet sind.
„Ja.“ sage ich leise „Es geht mir besser!“ Ich spüre, dass meine Stimme zittert.
„Sie hatten Glück!“ sagt die Stimme „Mein Vater wollte sie anfangs liegen lassen. Aber dann hat er sie wieder erkannt. Hätten sie dort noch eine Weile gelegen, wären sie jetzt tot.“
Ich erschrecke und springe auf. Fast wird mir wieder schwarz vor Augen doch ich reiße mich zusammen. Ich fixiere nun die Person die vor mir sitzt. Ich spüre nun auch deutlich, dass ich in Bewegung bin und sehe vor mir die Plane einer Kutsche. Auf einem kleinen Hocker sitzt das Mädchen, das zu dem Mann gehörte, dem ich die Pistole des Söldners verkauft hatte.
„Wir sind gerade wieder auf dem Weg zurück in die andere Stadt gewesen als wir sie dort liegen gesehen haben.“ Sagt das Mädchen und lächelt schwach. „Was ist denn eigentlich passiert?“
Ich brauche einen Moment um zu begreifen, dass die Frage an mich gerichtet ist. Dann antworte ich: „Ich wurde überfallen.“
„Von Banditen?“ Fragt das Mädchen aufgeregt. „Wir wurden noch nie überfallen aber ich würde gerne mal einen echten Banditen sehen. Mein Vater sagt, sie wären grausam, brutal und würden dir sämtliche Eingeweide herausnehmen um sie zu verkaufen.“
Ich lächele schwach und sage: „Sagt dein Vater das? Nun, da wird schon etwas dran sein. Aber sei dir sicher es gibt weitaus schlimmeres als Banditen!“
Das die Sache mit den Eingeweiden nur ein Märchen ist verschweige ich ihr und auch meinen Namen und meine Identität beschließe ich für mich zu behalten.
„Ach ja?“ fragt das Mädchen „Was gibt es denn schlimmeres?“
„Üble Menschen, die andere umbringen, um wieder andere damit zu erpressen, dass sie die anderen umgebracht haben.“ Antworte ich lächelnd ohne genau zu wissen was ich da sage.
„Warum können sie Menschen mit dem tot anderer erpressen?“ Fragt das Mädchen, welches durch meine Antworten scheinbar aufmerksamer geworden ist als sie sollte.
„Weil sie Waffen haben!“ Lautet meine Antwort. Ich sage es ebenso kühl wie hart. Es schwingt eine gewisse Verachtung gegenüber Waffen mit, obwohl ich bis vor kurzem doch selbst eine besessen habe. Vielleicht aber ist das hier so etwas wie eine zweite Chance um etwas besseres zu tun. Mich einem Händler anzuschließen, ihm zu helfen. Vielleicht auch irgendwann eine Familie zu gründen und glücklich in Ehre zu sterben. Nicht durch eine Pistole oder ein Messer, sondern durch einen natürlichen Tot oder durch diese Krankheiten, die gerade in den Outlands umgehen.
Moment, worüber denke ich da nach? Das ist quatsch! Ich bin Bandit! Der Dolch konnte mir nichts und keine Pistole kann es! Mal im ernst, wer würde denn mit jemandem handeln, der ihn wenige Wochen zuvor überfallen hat? Nein, ein Neuanfang ist nicht möglich. Nicht für mich! Nicht in dieser Welt, dieser Zeit, diesem Universum! Vielleicht im nächsten Leben. Wenn es sowas gibt.

Verfasser: Victor Ian Clockwork, mvjstorys.blogspot.de