Jackson Teil 2 – von V. I. Clockwork

Nach der Störung meines kleinen Schläfchens, hatte es wenig Sinn dieses fort zu setzen. Nicht zuletzt, weil ich noch etwas vorhabe. Der Händler mit dem Esel wird schon lange weg sein. Diese Leute mache nicht oft Pausen. Meist nur, wenn sie sich einmal begegnen oder einen Handelsstützpunkt erreichen. Einen Handelsstützpunkt zu überfallen wäre aber selbst für mich zu übertrieben.
Aber ich musste trotzdem noch etwas für mein täglich Brot tun. Händler gibt es genug! Da wird sich bestimmt noch einer finden, der das eine oder andere bei sich hat. Und wenn nicht, dann habe ich zumindest das Buch. Ein seltenes Artefakt einer längst untergegangenen, sagenumwobenen Welt. Ich habe im übrigen keine Vorstellung, wie die alte Welt untergegangen ist. Ich lebe jetzt und hier und nicht in der Vergangenheit!

Auch nach längerem Wandern in unterschiedlichen Richtungen, finde ich nichts. Keine Stadt, keinen Händler, keine Nomaden! Das einzige was sich mir zeigt, ist ein Lager, dass ich besser umgehen sollte. Im Dämmerlicht erkenne ich, wie an einem Feuer drei Menschen sitzen. Es sind aber keine Händler! Das beweisen mir ihre Waffen. Kein Händler besitzt ein Maschinengewehr oder überhaupt ein Gewehr. Ein über vorsichtiger Händler hat vielleicht ein Messer am Gürtel oder einen Revolver in der Tasche. Aber solche Waffen wie diese Männer tragen, haben nicht viele. Söldner vielleicht. Menschen die ihr Geld damit verdienen, dass sie dir die Haut vom Körper ziehen und sich dafür gut bezahlen lassen. Sie bereinigen die Umgebung von solchem Ungeziefer wie mir. Gleichzeitig erpressen sie Händler und Nomaden um ihr Geld. Ein widerliches Pack wenn ihr mich fragt!
Vielleicht sollte ich sie auch aus dem Weg räumen? Diese Umgebung von diesem Ungeziefer befreien? Aber wie stellt man sich am schlausten ab, wenn man drei Männer mit Maschinengewehren allein gegenüber steht? Sowie ich den ersten erschieße, werden die anderen auf mich aufmerksam. Bevor sie mich entdeckt haben, hab ich eventuell schon den zweiten erschossen. Der dritte wird mich dann aber einhundert prozentig erschießen.
Ich glaube das ist jene Art von Situation, in der man nicht überlegen sollte. Entweder man tut es oder man lässt es.
Langsam schleiche ich mich an das Lager an. Ich ziehe meine Pistole und richte sie auf den, der in der am nächsten dran ist. Noch einmal tief durch atmen. Ich drücke ab. Wie erwartet fällt der Mann, der eben scheinbar eine Geschichte über einen glorreichen Sieg über eine Banditenbande oder etwas in der Art erzählt hatte um. Wie erwartet springen die anderen beiden auf und schauen in meine Richtung. Einer mit einem Maschinengewehr, der andere lediglich mit einem Revolver in der Hand. Man kann ein verdammtes Glück haben!
Sie geben sich Zeichen, dass der mit dem Gewehr direkt auf mich zu geht, während sich der mit dem Revolver von der anderen Seite an mich heran schleicht. Eine äußerst blöde Idee, wenn man es mal aus meiner Perspektive betrachtet. Der, der direkt auf mich zukommt, wird von mir erschossen, während der andere aufgrund seines Umwegs nicht mitbekommt in welche Richtung ich verschwinde. Ich verstecke mich ein Stück weiter und erschieße dann ihn. So einfach ist der Plan, für den ich mich spontan entscheide.
Auch wenn sich mein Ziel nun vom Feuer weg auf mich zu bewegt, ist es für mich nicht schwer ihn mit einem einzigen Schuss in den Kopf zu Fall zu bringen. Jetzt ist nur noch einer übrig.
Schnell bewege ich mich ein Stück weiter und verstecke mich um auf den dritten und letzten Söldner zu warten. Zum denken ist keine Zeit und doch fällt mir ausgerechnet jetzt mein erster Grundsatz ein: Töte nur wenn es notwendig ist!
War dieser Bruch jetzt gerechtfertigt? Die Söldner hätten ja immerhin auch mich umgebracht, wenn ich ihnen nicht zuvor gekommen wäre. Und wenn sie mich gesehen hätten.

Es vergeht eine ganze Weile, bis ich beginne mich zu wundern, wo der dritte Söldner bleibt. Ich stehe aus meiner hockenden Position auf um die Lage besser im Blick haben zu können.
Im selben Moment, in dem ich mich aufstelle, höre ich hinter mir das klicken eines Revolvers. Er wurde entsichert. Jedoch wird das nächste klicken tödlich sein wenn ich nicht schneller bin!
„Wer bist du?“ Fragt eine Stimme hinter mir.
Ich erhebe meine Arme, drehe mich vorsichtig um und lasse meine Pistole fallen. So viel zum Thema: Etwas tun!
Vor mir steht der dritte Söldner auf den ich gewartet habe. Ich frage mich wie lange er wohl schon hinter mir stand. Bin ich wirklich so unvorsichtig geworden, dass ich es nicht mitbekomme, wenn sich jemand von hinten anschleicht?
„Man nennt mich Jackson!“ Sage ich entschlossen „Und mit wem habe ich das Vergnügen?“
„Unwichtig!“ antwortet der Mann und lächelt „Auch wenn du zwei meiner Kollegen umgelegt hast, wird mir dein Kopf bestimmt gutes Geld einbringen Bandit! Viele Menschen wollen dich tot sehen. Ich werde ihnen ihren Wunsch erfüllen.“
„Der Wunsch vieler Menschen ist es außerdem, von Söldnern wie euch in ruhe gelassen zu werden!“ Sage ich ohne eine Miene zu verziehen. Nicht dass Selbstsicherheit jemals ein Leben gerettet hätte jedoch, wirkt mein Tod dann bei weitem nicht so erbärmlich, wie wenn ich um Gnade winseln würde.
„Lieber zahlen sie gelegentlich Geld an mich als all ihren Besitz an dich abgeben zu müssen!“ Antwortet mein Gegenüber kühl.
„Ich nehme mir nur, was ich zum überleben brauche.“ antworte ich „Es gibt keine Diskussion! Ich nehme mir einfach was ich brauche. Wenn euch mal jemand widerspricht, wird er erschossen!“
„Warum widersprichst du mir dann?“ Fragt mich der Mann mit dem Revolver. Wenn ich jetzt etwas sage, gebe ich ihm nur eine weitere Angriffsfläche für irgendeinen dummen Spruch. Gar nichts sagen wirkt aber als würde mir nichts mehr dazu einfallen. Er würde denken, ich würde nachgeben. Das ist beinahe schlimmer als um Gnade zu winseln.
Um nicht so erbärmlich zu wirken, sage ich: „Glaubst du ernsthaft, dass vor dir irgendjemand erzittert?“ Ich lache. Mehr aus Provokation als weil ich tatsächlich lachen muss.
Der Kerl mit dem Revolver wird rot im Gesicht. Ich würde sein Gesicht vermutlich in der Dunkelheit nicht erkennen, aber es begann richtig zu leuchten. Ein äußerst amüsanter Anblick.
Er wird mich vermutlich gleich erschießen und überall herum erzählen, dass ich ihn angebettelt hätte mich nicht umzubringen. Er wird erzählen, dass er lediglich seine Kameraden rächen wollte und ihm das Geld, was er für meinen Kopf bekommen hat eigentlich egal ist. Er und ich wissen es jedoch besser.
Unerwarteter Weise, lässt er seine Pistole fallen und bückt sich nach meiner. Meine Reflexe sind jedoch schneller als er weshalb er anstatt meine Pistole in die Hand, eine Tritt ins Gesicht bekommt. Er fällt rückwärts zu Boden. Ich hebe blitzschnell meine und seine Pistole auf. Ich richte beide auf ihn, doch bevor ich abdrücken will, schießt mir wieder mein Grundsatz durch den Kopf.
Anstatt ihn zu erschießen, sage ich: „Lass dir das eine Lehre sein!“ Ich stecke beide Pistolen ein und gehe davon.

Ich wandere noch Stunden ziellos durch die Gegend. Eigentlich verlangte mein Körper nach dieser Aufregung nach einer Pause, doch es scheint mir zu gefährlich in der Nähe des Söldners zu bleiben. Auch wenn ich ihn um seinen Revolver erleichtert hab und selbst wenn er sonst keine Waffen besitzt, liegen immer noch zwei bewaffnete Tote kaum zehn Meter von ihm entfernt.
Die Gewehre hätten zwar viel Geld eingebracht, aber ich wollte mich ungern länger als nötig dort aufhalten. Außerdem sind Maschinengewehre nicht besonders leicht und ich möchte schnell unterwegs sein. Ich nehme lieber leichte, kleine aber wertvolle Dinge mit als die großen schweren.
Ich setze mich neben einen toten Baum um endlich eine Frage zu klären, die mich während meines Weges beschäftigt hat. Warum hat er nicht geschossen, sondern versucht meine Pistole zu greifen.
Es ist allseits bekannt, dass manche Söldner ihre Opfer mit den Waffen der selbigen erschießen. Dabei geht es um Ehre. Einem Soldaten seine Waffe abzunehmen und ihn damit zu erschießen, ist so ziemlich das übelste was ihm passieren kann.
Wenn das jedoch der Plan des Söldners war, hat er sich ganz schön ungeschickt angeschickt. Wenn er mich mit meiner Waffe ausradieren gewollt hätte um mich zu demütigen, hätte er mich gezwungen sie aufzuheben und ihm zu überreichen. Vielleicht war aber etwas mit dem Revolver.
Ich betrachte die Waffe. Zunächst fällt mir nichts besonderes daran auf.
2038 steht als Herstellungsjahr auf der Seite des Revolvers. Das ist verhältnismäßig neu wenn man bedenkt, dass seit zirka vierzig Jahren keine Waffen oder nur wenige produziert werden. Natürlich kann eine Waffe in der Zeit trotzdem kaputt gehen, jedoch wäre er dann ein wirklich ungeschickter Söldner wenn er mit einer kaputten Waffe Leute erschießen will. Wenn es ihm allerdings gelingt, ist es um so bewundernswerter.
Bei näherem betrachten, fällt mir der Grund seines eigenartigen Handelns auf. Ich muss lachen. Er war ein unglaublich ungeschickter Söldner, denn es befindet sich keine Munition in der Waffe. Das ist eine Schöne Geschichte, die ich in der nächsten Stadt erzählen kann. Ein Söldner überfällt mich mit einer nicht geladenen Pistole…

***

Auch wenn der Vortag verhältnismäßig lang war, wache ich aus Gewohnheit früh auf. In einer Welt wie dieser, in der es keine Regeln mehr gibt und moralische Werte von vielen mit Füßen getreten werden, kann man es sich nicht leisten auszuschlafen. Auf meiner Tagesordnung für heute steht:
1. Händler finden!
2. An Händler anschleichen!
3. Händler meine Pistole zeigen!
4. Händler bitten mir seine Waren auszuhändigen!
5. Abhauen, den nächsten Handelsstützpunkt/Stadt/Nomadenlager ausfindig machen und ein wenig Geld verdienen!

Fünf Punkte, die mir einen Tag zu vor von einer Dame, die sich zu fein war ihr Gesicht zu zeigen verdorben wurden. Der neue Tag jedoch bringt ein Gefühl von zu erwartendem Erfolg mit sich. Für mich steht fest, das dieser Tag ein guter Tag wird.
Natürlich wird sich erst zeigen, ob es tatsächlich so ist oder mein Gefühl mich mal wieder verarschen will. Zunächst bin ich jedoch naiv genug diesem Gefühl blind zu vertrauen.
Um diese Uhrzeit ist kaum ein Händler unterwegs. Die meisten haben feste Handelsrouten und versuchen auch täglich einen sicheren Ort zu erreichen. Es ist sehr unwahrscheinlich, einem Händler zu begegnen, der keinen sicheren Ort erreicht hat. Trotzdem ist es immer gut früher aufzustehen um sie an den richtigen Orten abfangen zu können. Dafür muss man nur zwischen zwei Städten lauern und im richtigen Moment zuschlagen.
Wenn man so will, ist es jeden Tag das gleiche Spiel welches jeden Tag neu beginnt. Und im Prinzip, ist das auch dass was ich die meisten Tage mache. Warum auch nicht? Immerhin ist dieses Spiel sehr ertragreich. Oder der Ertrag ist groß genug um mir ein angenehmes Leben zu bescheren.
Ich packe meine Sachen und ziehe los.

Auf der Lauer liegen ist nicht das Spannendste, was mein Job zu bieten hat aber es gehört nun einmal dazu. Ein Schriftsteller würde vermutlich versuchen das Beschreiben dieser Situation zu umgehen. Einfach um den Leser nicht zu langweilen. Allerdings muss ich ehrlich sagen, dass es schon etwas ist was andere lesen sollten. Besonders Händler die uns Banditen verachten. Sie würden dadurch vielleicht einsehen, das wir einen verdammt harten Job haben. Wenn sie eine Szene zu lesen bekämen, die so langweilig ist und in der nur beschrieben wird, wie ein Bandit auf der lauer liegt, würden sie vielleicht Mitleid bekommen und mir und auch meine Kollegen freiwillig ihre Sachen überlassen.
So einen Händler habe ich aber noch nie getroffen. Die meisten haben mir natürlich ihre Waren mehr oder weniger freiwillig gegeben, das lag aber eher an meiner Ausstrahlung und vor allem an meiner Pistole.
Ich erwarte auch von dem Händler, den ich aktuell im Visier habe nicht, dass er sich mir einfach ergeben wird. Aber ich bin ja heute doppelt so gut ausgerüstet.
Der Mann auf den ich es abgesehen habe, ist mit einer Kutsche unterwegs, was bedeutet, dass er auch einiges zu transportieren hat.
Ich ziehe mir mein Tuch über die Nase und setze die Schweißerbrille auf. Dann renne ich in den Weg der Kutsche, ziehe meine Pistole und rufe: „Halt stehen bleiben!“
Die Kutsche hält an.
„Was wollen sie?“ Fragt der Mann. Mir fällt in der selben Sekunde auf, dass ich die falsche Pistole, nämlich den Revolver des Söldners in der Hand halte. Ich überlege wie ich es geschickt anstelle, die echte Pistole zu ziehen bevor der Mann mich durchschaut. Doch dann klettert aus dem mit einer Plane überdachten Lagerraum der Kutsche ein kleines Mädchen und läuft zu dem Kutscher.
„Was ist los Papa?“ Fragt sie den Mann und schaut kurz darauf zu mir herüber.
Ich bin ein Bandit aber kein Unmensch. Das kann ich nicht tun. Ich nehme die Pistole herunter und sage: „Erschrecken sie nicht!“ Ich schiebe die Brille auf meine Stirn und ziehe das Tuch von meiner Nase. Dann lächle ich und sage: „Die Pistole ist nicht geladen. Ich möchte mit ihnen handeln!“
„Jagen sie den Leuten besser nicht so einen Schrecken ein junger Mann!“ sagt der Händler „Mein schwaches Herz hätte das fast nicht verkraftet. Was haben sie denn anzubieten?“
„Zunächst mal diese Pistole.“ sage ich „Und dann noch einen kleinen Schatz.“ Ich ziehe das Buch aus der Tasche welches ich am Vortag gegen einen Kanten Brot eingetauscht hatte.
Der Mann auf der Kutsche macht große Augen. Kurz darauf kommen wir zu einer preislichen Übereinkunft. Wir unterhalten uns noch ein wenig über kürzliche Ereignisse bis wir beschließen, weiter unsere Wege zu gehen. Zum Abschied bietet der Händler mir an mich ein Stück mit zu nehmen, doch ich lüge, dass ich in die andere Richtung muss. Ein wenig habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich den Mann ausrauben wollte. Auch wenn es nun einmal mein Job ist.
Ich gehe ein paar Schritte in die entgegengesetzte Richtung des Mannes. Dann schlage ich aber doch den Weg in Richtung der nächsten Stadt ein.

***

Ich hasse es mich im Dunkeln durch ’s Gebüsch zu kämpfen. Wirklich! Es ist beinahe schlimmer, als sich von einem Söldner reinlegen zu lassen, der dir einen leeren Revolver an den Kopf hält. Mich beschleicht langsam dass Gefühl, dass ich mich auf dem Weg in die Stadt ein wenig verirrt habe. Jetzt spaziere ich hier durch irgendwelche stachlige Pflanzen anstatt in einer Kneipe meinen Bierkrug zu heben. Ich hatte noch nie einen guten Orientierungssinn. Dabei hätte ich nur den Spuren der Kutsche folgen müssen. Wie bin ich überhaupt hier gelandet? Ach ja! Ich dachte, dass ich eine Abkürzung kenne. Schwachsinn! Nie wieder Abkürzungen!
Ich bleibe stehen, um mir ein paar Dornen aus dem Mantel zu zupfen. Eins, zwei, drei… Es raschelt. Ich unterbreche mein Selbststudium Mathematik und lausche in die Dunkelheit.
Es raschelt erneut. Ich sehe mich um und kann gerade noch erkennen, wie eine dunkle Gestalt an mir vorbei huscht. Werde ich verfolgt? Von wem denn?
Ich gehe in die Richtung, in welche die Gestalt verschwunden ist. Durch die Blätter wird sie langsam deutlicher. Eine dunkle Figur, die scheinbar in einen Mantel oder einen Umhang oder der gleichen gehüllt ist. Auch der Kopf ist bedeckt. Das Gesicht ist von mir abgewendet wodurch ich vermuten kann, dass sie nicht hinter mir her ist. Doch mir fällt etwas anderes ein.
Da sitzt eine vermummte Gestalt und lauert. Könnte es die selbe sein, die mir am Vortag ihre beiden Pistolen präsentiert hat?
Ich versuche noch näher heran zu schleichen, doch im selben Moment verschwindet die Person wieder. Schnellen Schrittes bewegt sie sich durch die Büsche. Ich komme nicht so schnell hinterher, was es unvermeidlich macht, dass ich sie wieder einmal entkommen lasse.
Durch einige Blätter erkenne ich ein Licht. Vielleicht hat sie hier ihr Lager? Oder aber es handelt sich um das Lager der Person, die von meiner Freundin beobachtet wird.
Ungeschickt wie es nur ich kann, stolpere ich aus dem Gebüsch in eine mit Gras bewachsene Senke.
Neben dem Feuer springt ein Junge auf und zieht einen stark ramponierten Krummsäbel. Vermutlich handelt es sich nicht um einen Krummsäbel. Es ist eine Halbmond-förmige Klinge welche scheinbar als zwei-in-eins Waffe erfunden wurde. Galgenstrick und Messer.
Im schwachen Feuerschein erkenne ich sein struppiges blondes Haar. Ansonsten ist seine Gestalt eher unspektakulär. Seine Klamotten wirken, als hätten sie einst einen gewissen Wert besessen, jedoch scheinen sie ihren Wert im laufe einer längeren Reise verlustig geworden zu sein.
„Hallo!“ sagt der Typ
Ich organisiere mich kurz neu und vergesse mein ungeschicktes Auftreten.
„Hast du zufällig gerade Jemanden vorbei kommen sehen? Etwas kleiner als ich, schwarzer Mantel, wirkte ziemlich geheimnisvoll.“ Frage ich um meinen Besuch zu rechtfertigen. Ich erwarte keine Antwort. Die Antwort die ich kriege, ist jedoch so gut wie keine.
„Ich hatte bis eben die Augen zu. Ich hab gar nichts gesehen!“ sagt der Junge
Was soll man dazu sagen? Ich schleiche hier Nachts im Gebüsch herum während der Typ pennt.
„Wer bist du überhaupt?“ Fragt der Junge weiter ohne mir Zeit zu geben, ihm deutlich zu machen wie lächerlich diese Aussage eben war.
„Jackson.“ stelle ich mich vor grinse „Bandit, Räuber, Kartenspieler, zu Diensten! Und wem habe ich die Ehre?“
Der Junge schien zu überlegen, ob es auf diese Frage eine richtige Antwort gab. Schließlich sagte er: „Leopold. Aber du kannst mich Leo nennen.“
Ein wenig kratzt es an mir, dass mir dieser Junge nicht nur mit seiner unglaublich kindlichen Aufmachung gegenüber tritt, sondern auch noch mit diesem Namen.
„Leo… pold… Noch keinen Kriegernamen abgekriegt?“ Frage ich merke jedoch sofort, dass mein Gegenüber keine Ahnung hat wovon ich rede.
„Kriegernamen?“ Fragt Leopold auch genannt Leo.
Ich suche mir einen Platz am Feuer, welcher weit genug von dem Jungen weg ist um keine Schmauchspuren zu hinterlassen, sollte ich ihn doch abschießen müssen.
„Du erlaubst doch?“ Frage ich, warte jedoch keine Antwort ab und setze mich. Auch Leo setzt sich auf seine Decke und schaut mich fragend an.
„Also mein Junge,“ sage ich „Wenn du in den Outlands irgendwas gelten willst, solltest du dir dringend einen anderen Namen zulegen! Einen der nicht nach Friseurlehrling oder Muttersöhnchen klingt. Ein Mann ohne Kriegernamen ist wie eine Pistole ohne Pulver, ein Vulkan ohne Feuer, anders gesagt: Es macht einfach keinen Spaß!“
„Ich soll mir also selbst einen Namen aussuchen?“ fragt Leopold „Aber was für einen?“
Ich überlege kurz. Dann sage ich entschlossen: „Es sollte etwas raues, männliches sein. Etwas, das deine Kraft und Wildheit betont. Deine Gegner müssen schon beim Klang deines Namens darüber nachdenken, ob sie wirklich deine Gegner sein wollen.“
„Hast du ein Beispiel?“ fragt Leopold
„Nicht irgendein Beispiel.“ sage ich selbstsicher „Das beste! Den Namen, der all das aufs vorbildlichste vereint.“
„Und der wäre?“ Fragt Leo und ich frage mich, ob er wirklich nicht versteht, worauf ich hinaus will. Ich grinse: „Jackson.“
„Ich kann mir ja wohl kaum deinen Namen geben!“ entgegnet der Junge
„Doch das ginge schon.“ sage ich „Du könntest Jackson Junior heißen. Nur, dass das Junior irgendwie eher niedlich klingt. Und das ist ja nicht wirklich der Sinn der Sache.“
Leopold sieht mich schief an und fragt: „Willst du mich auf den Arm nehmen?“
„Aber ich doch nicht!“ Sage ich spöttisch.
Eine Zeit lang überlegen wir, was ein guter Kriegername für meinen Gesprächspartner ist. Letztendlich können wir keinen Entschluss fassen, weshalb ich dem Jungen die Wahl seines Namens als Hausaufgabe zu unserer nächsten Begegnung aufgebe.
Ich zünde mir eine Pfeife an und frage Leo, was ihn in die Outlands treibt.
„Ein Familiendrama sozusagen.“ fasst der Junge die Antwort zusammen „Willst du ’s wirklich hören?“
„Sonst hätte ich nicht gefragt.“ antworte ich
„Also:“ leitet Leopold seine Geschichte ein „Meine Eltern sind zum Tauschen in eine Stadt gegangen. Zwei Wochen habe ich auf sie gewartet. Dann bin ich davon ausgegangen, dass ihnen etwas zugestoßen ist. Also bin ich los gezogen. Ich bin auf dem Weg nach Bucktopia. Mein Onkel ist eine Art Werkzeugschmied. Ich hoffe ihn in dort zu treffen.“
„Ich bin viel in der Welt herum gekommen.“ sage ich „Aber von Bucktopia habe ich noch nie etwas gehört.“
„Ich kenne es auch nur aus Erzählungen.“ klärt Leopold mich auf „Aber ich habe gehört, dass sich dort alle zwei Jahre Leute aus den Outlands treffen um Handel zu treiben und sich auszutauschen. Wie kannst du davon nichts gehört haben? Jeder redet davon.“
„Vielleicht sollte ich mich mit den Leuten die ich ausraube mehr unterhalten bevor ich ihnen meine Pistole zeige.“ antworte ich
Wir unterhalten uns noch eine Weile über Bucktopia, was dort geschieht und ich lasse mir erklären in welcher Richtung sich der Ort befindet. Ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich dort hin will, aber es ist immer gut eine Information zu haben, die manche Leute interessieren könnte.
Nachdem Leopold mir nahezu alles darüber erzählt hat, beschließen wir, dass es nach diesem anstrengenden Tag an der Zeit ist sich zur Ruhe zu legen.
Die rechte Hand am Griff meiner Pistole lasse ich mich nach hinten auf den Boden fallen. Nicht lange danach schlafe ich ein.

Verfasser: Victor Ian Clockwork, mvjstorys.blogspot.de