Jackson Teil 1 – von V. I. Clockwork

Ich liebe es Gespräche zu belauschen. Wirklich! Es ist beinahe reizvoller, die Menschen zu belauschen, als sie auszubeuten und den Kram zu verkaufen. Allerdings ist es eher ein positiver Nebeneffekt als ein Hobby oder der Gleichen. Eigentlich hab ich mich an diese zwei freundlich wirkenden Händler heran geschlichen um sie um ihre Waren, ihr Geld und ihre Klamotten zu erleichtern. Aber ich bin nun einmal auch nur ein Mensch. Oder sollte ich sagen: Ich bin Gott-sei-Dank auch noch ein Mensch? Es soll ja Wesen geben, die dies nicht einmal mehr von sich behaupten können. Ich persönlich bin solchen Wesen nie begegnet. Ich wüsste nicht einmal woran ich sie erkennen sollte. Man hört Geschichten von vierarmigen Monstern mit sechs Augen… Von den Leuten aus der Stadt.
Nachdem ich vor drei Jahren los gezogen bin um diejenigen zu finden, die damals meine Eltern entführt haben, war eins der ersten Dinge die ich gelernt habe, dass die Leute aus der Stadt keine Ahnung von den Geschehnissen hier draußen haben. In diesem Zusammenhang habe ich auch gelernt, dass wenn man wirklich wissen will was gerade Aktuell ist, man die Nomaden fragen sollte. Im Idealfall bevor man ihnen ihre Sachen wegnimmt. Aus einem Grund der sich mir bisher nicht eröffnet hat, sind sie da meist noch gesprächiger.
Allerdings kann ich auf die meisten reisenden nicht mehr setzen, da ich bereits ziemlich bekannt bin.
Damals als ich los gezogen bin, lautete die erste Frage die ich einem anderen Reisenden gestellt habe: Hast du zufällig mal zwei Banditen gesehen? Einer von ihnen trug eine Augenklappe.
Die Menschen haben mich ausgelacht. Erst viel später habe ich begriffen, dass Augenklappen sowie Kopftücher und dergleichen nicht als Beschreibung eines bestimmten Banditen ausreichen.
Nachdem ich vor zirka zwei Jahren die Suche nach meinen Eltern aufgab, entwickelte ich mich nach und nach selbst zu einem Banditen. Besonderes Merkmal meiner Person ist jedoch die Tatsache, dass ich weder Augenklappe noch Kopftuch besitze. Stattdessen, trage ich eine Art Schweißerbrille und ein Tuch um den Hals. Beides dient der Verhüllung vor den Leuten die ich ausraube sowie dem Schutz vor Sandstürmen und anderem Kleinzeugs was so durch die Gegend fliegt.
Ich besitze nichts außer dem was ich am Körper trage, einem Rucksack und einer Pistole. Munition ist Mangelware und Blut nicht unbedingt mein Element. Daher mein Grundsatz: Töte nur wenn es nötig ist!
Tatsächlich habe ich noch nicht besonders viele Menschen umgebracht. Ich finde viel mehr Spaß dabei ihnen alles wegzunehmen was sie haben.
Lastentiere wie Esel, sind ein geschätztes Gut. Diese beiden Händler sind zufälliger Weise auf Eseln unterwegs.
Ich setze die Brille auf und ziehe das Halstuch über meine Nase. Ich beschließe, noch näher an die beiden Händler heran zu schleichen, als ich eine Hand auf meiner Schulter spüre. Sofort schrecke ich herum und starre in den Lauf einer Pistole. Ich will meine Pistole ziehen, doch bevor meine Hand sich auch nur in der Nähe meines Gürtels befindet, zieht die vermummte Person vor mir eine zweite.
Ich schüttele den Kopf und sage: „Nicht witzig!“
Langsam stehe ich auf und hebe ebenso langsam meine Arme nach oben. Einige Minuten stehe ich dem Kerl mit den zwei Pistolen still gegenüber. Ich mustere ihn von oben bis unten um eventuell einen Fleck Haut zu finden, der nicht verhüllt ist.
Dann sage ich: „Was hast du jetzt vor mein Freund?“
Die Antwort auf meine Frage ist ein Finger auf den vermummten Lippen meines Gegenübers.
In dem Moment, in dem die eine Hand dieser komischen Gestalt damit beschäftigt ist, mir deutlich zu machen, dass ich still sein soll, überlege ich ob es der richtige Moment ist meine Pistole zu ziehen. Doch als ob die Person meine Gedanken lesen könnte, höre ich in der selben Sekunde das klicken einer Pistole die entsichert wird und blicke nun wieder in zwei Läufe.
„Hast du jetzt vor mich umzubringen?“ Frage ich und versuche möglichst selbstsicher zu wirken ohne genau zu wissen ob es mir gelingt oder nicht.
Erneut legt die Person ihren Zeigefinger auf die Lippen.
Ich blicke mit immer noch erhobenen Händen zuerst auf die Pistole in der rechten Hand meines Gegenübers und anschließend auf meine eigene, welche der meines neuen Freundes gleicht.
„Ist das meine Pistole?“ frage ich
„Tu mir den Gefallen und halt kurz die Klappe!“ raunt die vermummte Gestalt
Ich bin schockiert. Ich hatte es schon mit verschiedenen komischen Gestalten zu tun. Mit großen, mit kleinen, mit dicken, mit dünnen, mit vermummten, ja sogar mit ganz und gar Splitterfaser nackten! Aber keine von ihnen war eine Frau. Wobei ich letzteres ein wenig bedaure.
Aber jetzt mal wieder im Ernst: Da steht eine vermummte Frau vor mir, die mir zwei Pistolen unter die Nase hält während ich keine Gelegenheit bekomme meine zu greifen.
„Ich will dich nicht erschießen.“ Sagt die jetzt eindeutig weibliche Stimme und reißt mich aus meinen Gedanken. „Ich werde jetzt gleich meine Waffen weg stecken. Und dann werden wir auseinander gehen. Wir sind uns niemals begegnet, in Ordnung?“
Ich bemerke dass sie bereits vor diesen Worten einige Schritte zurück gegangen sein muss, denn die Pistolen befinden sich nicht mehr unmittelbar vor meiner Nase.
Ich sage nichts. Schließlich steckt das Mädchen die Pistolen weg und verschwindet in einem Gebüsch.
Ich bin verwirrt. Was war das denn für eine Aktion? Diese eigenartige Tussi überfällt mich zuerst und richtet ihre Waffen auf mich, dann sagt sie mir ich solle die Klappe halten und verschwindet schließlich als ob nichts gewesen wäre. Deshalb sind mir Nutten so sympathisch! Die sind nur halb so kompliziert und man weiß genau was sie wollen. Dein Geld!
Immer noch verwirrt, drehe ich mich wieder um zu den beiden Händlern. Sie sind weg.
Um ganz sicher zu gehen, dass nicht vielleicht die Gläser meiner Brille zu dunkel sind, setze ich diese ab. Die beiden Händler sind immer noch weg.
Ich renne zu dem Platz an dem sie zuvor gestanden haben. Schwach erkennt man die Spuren, die ihre Esel im Ödland hinterlassen haben. Es waren zwei Händler. Jeder ist in eine andere Richtung gegangen. Einer von ihnen hatte einen kräftigen gut bepackten Esel, der andere einen weniger starken der unter dem geringen Gewicht schon fast zusammen brach. Doch welcher ist jetzt wohin verschwunden?
Ich reiße mir nun auch das Tuch vom Gesicht. Erst stehe ich einfach nur still da. Schließlich entscheide ich mich dafür, dass es allemal besser ist einen alten halbverhungerten Esel zu haben als gar nichts.
Ich verfolge die Spur, die von dem Gebüsch welches mir eben Sichtschutz bieten sollte weg führt. Bald muss ich allerdings einsehen, dass dies nicht unbedingt mein bester Einfall war. Logisch ein kräftiger Esel kommt leichter mit der Situation zurecht als ein klappriger alter. Und zufällig weiß ich auch, dass sich in dieser Richtung eine Stadt befindet. Aber die heiße Mittagssonne verbrennt mir, der ich kein Esel bin und auch keinen besitze den Kopf.
An einer Wasserstelle, die sich auf dem Weg befindet, mache ich halt. Mit Hilfe einiger Stöcke und meinem zu-oft-geflickten Mantel, baue ich eine Überdachung um der Sonne nicht unmittelbar ausgesetzt zu sein.

Mit der Zeit lernt man von dem zu leben was man hat. Mir reicht an dieser Stelle ein Kanten trockenes Brot und ein paar Insekten. Schön wäre noch etwas um die kürzlichen Geschehnisse zu vergessen. Diese seltsame Begegnung mit diesem seltsamen Mädchen, dass scheinbar einfach nur Spaß daran hatte mir meinen Raubzug zu verderben.
Die Sonne brennt heiß auf meinen Mantel und selbst mir der ich in seinem Schatten liege wird verdammt warm. Ich mache mir bereits Gedanken, was passiert wenn ich ihn wieder anziehen will. Verbrenne ich dann?
Um wieder einen kühlen und klaren Kopf zu bekommen, beschließe ich erst einmal das kühle wenn auch weniger klare Wasser zu genießen. Ich hole zwei Behälter aus meinem Rucksack und gehe in die überdimensionale Pfütze.
Nachdem ich einige male untergetaucht bin, fülle ich die Behälter mit Wasser und trinke einen direkt wieder aus woraufhin ich ihn erneut mit Wasser fülle.
Anschließend begebe ich mich wieder unter meinen Mantel und schlief kurze Zeit danach ein.

Geweckt werde ich durch etwas, was scheinbar meine Klamotten untersucht. Ich schrecke auf und ziehe meine Pistole. Vor mir steht ein zerfetzter alter Mann, der mich mit einem verrückten grinsen mustert.
„Was willst du?“ Frage ich ohne meine Pistole weg zustecken. Ha! Diesmal bin ich der mit der Knarre.
„Hast du vielleicht etwas zu essen?“ fragt der verrückte alte Mann
„Wie ist dein Name?“ frage ich
„Namen tun doch nichts zur Sache!“ sagt der Mann „Ich frag dich ja auch nicht nach deinem!“
„Jackson!“ sage ich „Kein Problem! Wolltest du mich ausrauben?“
„Nun, weißt du…“ stottert der Mann „Ich… Ich dachte du wärst… nun ja… tot!“
Ich nehme die Pistole runter und hole das Brot aus meiner Tasche. Ich breche ein Stück ab und reiche es ihm hin. Als er es nehmen will, ziehe ich es wieder zurück.
„Du weißt, dass es in dieser Welt nichts umsonst gibt?“ frage ich
Der Mann schaut sichtlich beleidigt und dreht sich weg. Er nuschelt etwas wie: „So eine Gemeinheit! Ich habe doch nichts! Sonst müsste ich doch nicht um Essen betteln!“
Vorsichtig dreht er sich um. Ich packe das Brot wieder weg.
„Warte!“ ruft der Mann „Vielleicht habe ich doch etwas.“
Er zieht etwas aus seiner Tasche und legt es neben mich. Ich nehme es. Es handelt sich um etwas, das im gesamten wesentlich wertvoller ist als dieser Kanten Brot. Ja sogar als ein gut bepackter Esel. Es ist ein Buch. Ich kann den Titel nicht lesen. Kein Wunder! Ich kann ja auch nicht lesen.
„Was ist?“ fragt der Mann
Ich werfe ihm das Brot hin und blättere das Buch durch.
„Gott wird es ihnen danken!“ Sagt der Mann und verschwindet.

Verfasser: Victor Ian Clockwork, mvjstorys.blogspot.de