Eine Flüchtlingsgeschichte Teil 3 – von C. Krüger

Das Leben in der Siedlung und die erneute Flucht

Ein Jahr nachdem meine Eltern das Haus in der Outlandssiedlung bezogen hatten, wurde also ich geboren. Wenn ich zurückblicke sind diese wenigen Jahre die unbeschwerteste Zeit meines Lebens. Zwar hatten die Erwachsenen beständig Sorgen über die sie miteinander flüsterten. Aber mich bekümmerte das in meiner kindlichen Naivität wenig. Ich setzte damals so viel Vertrauen in die Erwachsenen, dass es mir nicht in den Sinn kam, durch irgendetwas bedroht zu sein.
Im Ort gab es mehrere Kinder meines Alters und wir waren den ganzen Tag irgendwo zwischen den Häusern unterwegs. Die Erwachsenen und die älteren Kinder arbeiteten an all den Dingen, die für das tägliche Leben nötig waren. Ackerbau, Viehzucht, Reparaturen. Sie stellten Papier und Stoffe her, sammelten und verwerteten, was sie finden konnten u.s.w. Es war eine friedliche Zeit. Morgens und abends tranken wir jeder mindestens eine Tasse Tee aus einem Kraut, dass in jedem Garten wuchs. Es war Pflicht und Tradition. Inzwischen kenne ich den Grund dafür, aber damals hat mich das nicht interessiert. Das selbe Kraut haben die Erwachsenen auch geraucht und zum Würzen der Speisen verwendet. Es wuchs üppig und somit hatten wir daran nie Mangel.
Es hiess, die Siedlung sei verlassen worden, nachdem es im benachbarten Atommülllager zu einem Unfall gekommen war. Das war aber bereits im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrtausends geschehen. Ob die Menschen den Ort alle auf einmal oder nacheinander über die Jahre verliessen, ist nicht bekannt. Sie sollen zum grössten Teil in die Megacities gegangen sein. Damals war das noch freiwillig.Für ein plötzliches Aufbrechen spricht, dass wir in den noch nicht wieder bewohnten Häusern die Dinge noch so herumstanden und lagen, als sei jemand nur eben mal weg. Schranktüren standen offen, Kinderspielsachen lagen auf dem Boden so angeordnet, als sei das Spiel kurz unterbrochen worden. Manches mag auch daher rühren, dass nachher Plünderer durch die Orte gezogen waren. Jedenfalls waren die Häuser ziemlich komplett eingerichtet, in einer Garage stand ein Auto. Das konnten wir natürlich nicht benutzen, denn den Treibstoff, den es benötigte, gab es schon Jahrzehnte nicht mehr. Die Erwachsenen dachten über ein mechanisches Fahrwerk nach, das durch Körperkraft angetrieben wurde, aber die Karosse war dafür wohl etwas zu schwer.
Gegen ein plötzliches Aufbrechen sprach allerdings, dass sie einen recht grossen Friedhof hatten mit anteilig vielen Kindergräbern. Demzufolge müssen noch Jahre nach dem Unfall Familien dort gewohnt haben, manche sogar bis kurz vor dem Eintreffen der ersten Flüchtlinge. Vielleicht sind sie einander sogar noch begegnet. So weit habe ich das nicht durchschaut. Ehrlich gesagt weiss ich nicht einmal, ob nicht im Dorf Altsiedler und Neusiedler nebeneinander wohnten. Fasziniert hat meine Eltern jedenfalls der Totenkult und ich denke, dass ich zum allerersten Mal mit ihnen auf diesem Friedhof war. Womöglich bin ich auch durch sie auf die Kindergräber aufmerksam geworden. Vielleicht haben sie dort einen Ort zum Trauern gefunden, sollte die Geschichte von meinem Bruder stimmen. In der Megacity gab es solche Friedhöfe nicht. Starb dort jemand wurde er entweder von einem Bestatter abgeholt, dann hielten die Angehörigen eine Trauerfeier ab und dann verschwand der Leichnam. Böse Zungen behaupten, er wurde zu Nahrung oder Tierfutter verarbeitet. Ob das stimmt, weiss niemand, aber dass er „verwertet“ wurde war ein offenes Geheimnis. Wurde ein Toter auf der Strasse gefunden, was zum Schluss sehr zugenommen haben soll, nahm ihn der Stadtordnungsdienst mit. Auf diese Weise verschwanden Menschen manchmal einfach.
Auf dem Friedhof war ich also recht oft. Zuerst mit den Eltern, später mit meinem besten Freund. Es war wirklich friedlich dort und wir setzten uns zwischen die Grabsteine und lauschten den Geräuschen. Manchmal stellten wir uns vor, die Toten würden aus den Gräbern aufstehen. Dann sassen wir im Kreis mit den Gespenstern der gestorbenen Kinder und lauschten ihren Geschichten.
Wenn wir nicht auf dem Friedhof waren, durchstöberten wir die Häuser. Die Türen standen immer offen und wir konnten überall ein- und ausgehen. Wir kramten in den Kellern und auf den Dachböden. Manchmal spielten wir tagelang auf einem Dachboden und richteten uns dort ein. Es kam schon mal vor, dass die Erwachsenen uns dann suchen mussten, weil wir ihr Rufen nicht gehört hatten.
In einem Keller fand ich einmal einen Gartenzwerg. Die Erwachsenen wussten, dass es einmal üblich gewesen war, solche Figuren in die Vorgärten zu stellen. Welchem Zweck sie dort aber dienten, konnten sie uns nicht sagen. Vielleicht wollten sie auch nicht. Das weiss ich nicht.
Jedenfalls war diese bedauernswerte Kreatur so hässlich und so nutzlos, dass ich sie überall mit hinschleppte, damit sie etwas Daseinsfreude entwickeln könnte. Später auf unserer Flucht, habe ich ihn dann verloren. Tagelang bin ich meiner Mutter auf die Nerven gegangen, sie möge doch umkehren und ihn suchen helfen. Sollte ihn also jemand auf dem Weg hierher gefunden haben…. Dass ich noch weitaus grössere Verluste erleiden sollte, dazu komme ich später.
Es gab unzählig viele Katzen. Sie gingen wie die Kinder in den Häusern ein und aus.
Das waren meine unbeschwerten Kinderjahre. Und sie hätten so bleiben können.
Die Erwachsenen jedoch wurden besorgter. Wir hörten sie reden vom Weggehen. Plötzlich hatten wir Angst, sie könnten ohne uns gehen und fingen an, sie zu belauschen. Meine Mutter erwartete ein weiteres Kind, ich war fünf Jahre alt und freute mich auf das Geschwisterchen. Umso unverständlicher wurde mir, dass sie weggehen wollten. Es war schön und friedlich und es fehlte an nichts. Meine Mutter verordnete uns nun fünf Tassen Tee pro Tag und verräucherte das Zeug in der Wohnung.
Nachdem mein Brüderchen geboren war,änderte sich alles. Etwa ein halbes Jahr später starb mein Vater und gleichzeitig viele andere Im Ort. Vor allem Erwachsene. Es gibt keine Hinweise darauf, ob es einen erneuten Unfall gegeben oder ob die immer noch hinzukommenden Neusiedler aus den Megacities eine Infektionskrankheit eingeschleppt hatten oder ob ganz etwas anderes passiert war.. Vielleicht war es auch eine schleichende Krankheit, die sie selbst bereits aus den Megacities mitgebracht hatten. Die Todesfälle häuften sich. Mein Vater wurde noch auf dem Friedhof begraben und mit ihm noch ein paar andere. Meine Mutter packte ein paar Sachen zusammen und machte sich wiederum auf den Weg mit ein paar anderen Familien aus dem Ort. Zum Schluss sind sie panisch aufgebrochen und haben die Toten einfach liegen gelassen.
Seither sind wir unterwegs und ziehen von Ort zu Ort. Etwa ein Jahr später starb meine Mutter und liess mir den kleinen Bruder zurück. Die Erwachsenen nahmen sich unserer an. Wo immer wir hinkamen, nahm man uns gastfreundlich auf, gab uns aber sehr bald zu verstehen, dass wir doch bitte weiterziehen möchten. Wahrscheinlich hatten sie Angst, wir könnten eine ansteckende Krankheit mit uns herum tragen.
Auf unseren Fluchtwegen wurden wir erwachsen. Mein Bruder blieb dann letztlich doch in einer Siedlung bei einer Frau, in die er sich verliebt hatte. Ich bekam unterwegs ein paar Kinder, die inzwischen auch fast erwachsen sind.Inzwischen soll das Leben in den Megacities völlig zusammen gebrochen sein. Die schlimmsten Dinge hört man von dort. Aber vielleicht muss man ja auch nicht alles glauben.
Ich habe nie aufgehört, herumzuziehen, obwohl ich später hier und da hätte bleiben können.
Heute fange ich nun langsam an, irgendwo ankommen zu wollen.

Verfasser: Constanze Krüger