Eine Flüchtlingsgeschichte Teil 2 – von C. Krüger

Teil 2: Die frühen Jahre in der alten Welt

Die Flucht aus der Megacity

Wenn ich heute über die frühen Jahre, die Jahre meiner eigenen Kleinkindzeit erzählen will, muss ich mich auf sehr schwankende Böden begeben. Zwar kann ich mich bis in mein drittes Lebensjahr erinnern, aber ich weiss nie genau, was sich tatsächlich abgespielt hat und was etwa meiner eigenen Phantasie entsprungen ist. Es kam vor und das ist auch heute manchmal noch so, dass ich selbst nicht genau wusste und weiss, in welcher dieser beiden Welten ich mich gerade befinde. Ich will sie gleichberechtigt nebeneinander bestehen lassen auch auf die Gefahr hin, dass ein Teil der vermeintlichen Wahrheit nur in meinem Kopf existiert und existiert hat.
Ich selbst bin bereits in den Outlands geboren. Meine Eltern sind aus einer der Megacities geflohen, weil die Lebensumstände dort immer unerträglicher wurden. Das war nicht erlaubt. Immer wieder hörte man davon, dass Flüchtige getötet oder zwangsweise zurück gebracht wurden. War die Flucht allerdings erst einmal gelungen und eine der Siedlungen in den Outlands erreicht, wurde angeblich niemals eine solche vonseiten der Megacities angegriffen. Zumindest wurde nichts darüber bekannt. Die Menschen taten sich in kleinen Gruppen zusammen und verliessen die Megacities bei Nacht. Mitnehmen konnten sie nicht viel, denn sie mussten immer beweglich sein und sich schnell verstecken können. Auch kannten sie ihr Ziel nicht genau, denn die Siedlungen waren den Bewohnern der Megacities unbekannt. Es gab Gerüchte, aber keine Bestätigungen.
Schon Wochen vor der Flucht begannen sie ihre täglichen Wasserzuteilungen zu rationieren. So trainierten sie, mit noch weniger Trinkwasser auszukommen und gleichzeitig hofften sie, so viel wie möglich mitnehmen zu können, indem sie in den Tagen vor der Flucht noch von älteren Wasservorräten zehrten. Aus herumliegenden Plastikabfällen stellten sie sich Wasserschläuche für den Transport her, die sie am Körper festbanden. Auf diese Weise trug jeder Erwachsene fünf Liter Wasser am Körper mit sich herum.
Als ich fast erwachsen war, erfuhr ich zufällig, dass ich noch einen älteren Bruder gehabt haben soll, der so um die zwölf Jahre alt war, als meine Eltern aufbrachen. Über sein Schicksal weiss ich gar nichts, nicht, ob sie ihn gar nicht erst mitgenommen haben oder ob er eventuell auf der Flucht gestorben oder verschollen ist. Meine Eltern haben nie ein Wort darüber verloren. Mir hat es eine alte Frau aus der Siedlung erzählt. Sie hat meine Eltern aber auch erst unterwegs kennengelernt, da waren sie bereits ohne Kind. Manche sagen, es stimme nicht alles, was die Alte sagt. Aber das es das gegeben hat, dass Kinder, aus welchen Gründen auch immer, zurückgelassen wurden, das habe ich öfter gehört. Auch sind Kinder unterwegs gestrorben, verunglückt oder verloren gegangen.
Manchmal habe ich mir diesen grossen Bruder vorgestellt. Es kam vor, dass ich mich mit ihm unterhalten habe.
Auf der Flucht aus den Megacities trafen die einzelnen Gruppen immer wieder auch auf andere. Es schien so, als gäbe es dafür bereits feste Orte, sogenannte Camps. An manchen Stellen hatten sie sogar Brunnen, meist alte, wieder funktionsfähig gemachte. Über die Qualität des Trinkwassers lässt sich nicht viel sagen. Sie werden auch nicht viel darüber nachgedacht haben. Viel Auswahl hatten sie ja nicht. Kam es allerdings vor, dass Menschen, nachdem sie in einem Camp gerastet hatten, krank wurden oder starben, wurden solche Camps gemieden. Solche vewaisten Camps gab es häufiger in der nächsten Nähe zu den Megacities. Ob die Brunnen aber absichtlich vergiftet worden waren, wie manche behaupten, oder ob einfach nur das Grundwasser im Einzugsbereich der Cities ungeniessbar war, hat nie jemand heraus gefunden. In den Camps wurde alles zusammengelegt, was unterwegs gejagt oder gefunden worden und zum Essen geeignet war. Was übrig blieb wurde vor dem Weiterziehen wiederum aufgeteilt. So waren immer alle halbwegs versorgt. Es wird aber durchaus Hunger gegeben haben. Allerdings kommen in den Geschichten kaum Tote vor. Es ist vorstellbar, dass Menschen unterwegs am Hunger oder an Krankheiten oder an Schwäche gestorben sind. Allein die Geschichten geben das nicht her. Womöglich wurde so etwas einfach verdrängt
Die Siedlungen waren dann schon etwas komfortabler als die Camps. Meist waren sie entstanden aus alten Wohnsiedlungen der Menschen aus den Zeiten vor den Megacities oder auf alten Fabrikgeländen. Gerüchten zufolge soll es sogar Menschen gegeben haben, die niemals in einer der Megacities gelebt haben und von Anfang an ihr Dasein in den Outlands gefristet haben. Persönlich kennengelernt habe ich aber so jemand niemals. Jedenfalls nicht bewusst.
Schliesslich kamen auch meine Eltern in einer solchen Siedlung an. Sie bestand aus vielen kleinen Häusern, die allesamt komfortabel waren. In der Nähe allerdings lagerten giftige Abfälle von der Atomindustrie. Das soll auch der Grund gewesen sein, dass diese Ortschaft verlassen war. Meine Eltern bezogen eines dieser Häuser nachdem sie sich das Einverständnis der Siedler geholt hatten und dort wurde ich dann ein Jahr später geboren.

Verfasser: Constanze Krüger