Eine Flüchtlingsgeschichte Teil 1 – von C. Krüger

Teil 1: Prolog

Warum sollte ich unsere Geschichte aufschreiben? Es gibt tausende solcher Geschichten und sie werden unterwegs an abendlichen Zufallsbegegnungsfeuern weitererzählt. Man findet sich selbst in all diesen Geschichten, meist an der Stelle, an der man sich gar nicht sucht und an der man sich noch viel weniger erinnert wissen möchte. Aber darum geht es nicht. Es geht um die Wahrheit. Und die Wahrheit kennt niemand so ganz genau, denn zum einen sind die meisten schon tot, die die alten Zeiten erlebt haben, zum anderen sind die Erinnerungen trügerisch und ein Konglomerat aus Phantasien und Wirklichkeiten. Die noch leben sind so wie ich damals noch zu jung gewesen und haben zum Teil ihre eigenen kindlichen Wahrnehmungen mit den auch nie ganz richtigen Erzählungen und Erklärungen der Erwachsenen verstrickt. Wir werden uns darauf einlassen müssen, niemals die ganze Wahrheit zu erfahren.
Wozu also die Geschichte aufschreiben? Es sind die Geschichten, die uns verbinden und uns ein wenig hinwegtrösten darüber, dass wir keine Vergangenheit haben, auf die wir uns berufen können wollen. Für uns gibt es kein „Früher war alles besser.“ Für uns ist ‚früher‘ ein Buch mit sieben Siegeln und die Rolle, die die Altvorderen darin gespielt haben, unerklärlich. Wir können uns nicht annähernd identifizieren mit ihren Gedanken und Entscheidungen. Wir mussten sie zurücklassen, die Eltern und die Grosseltern in ihrer Welt und eine völlig neue Welt entdecken. Das trennt uns von ihnen. Es gibt keine Orte der Erinnerung mehr. Wir müssen sie alle mit uns herumtragen. Wir haben keine Vergangenheit, abgesehen von den Geschichten.
Also will ich unsere Geschichte aufschreiben. Vielleicht findet jemand den Schlüssel darin, der ihm neue Räume zugänglich macht.

Verfasser: Constanze Krüger