Dreizehn – von [’solid]

Ein gleißender Feuerball schob sich langsam über die Dünen im Osten. Es würde nicht lange dauern, bis die Luft vor Hitze flimmern und eine Orientierung in der Wüste vollkommen unmöglichen machen würde. Zakkory Loyd war auf die Pallisade geklettert, welche die Clansiedlung umgab und suchte angestrengt den Horizont ab. Die vier Erkundungstrupps waren längst überfällig, aber trotz Fernglas konnte er keinerlei Bewegung ausmachen. Besorgt schaute er zum Turm hinüber, auf dem die Banner des „Orden des Geistes“ und des „Orden des Fleisches“ lustlos im Wind baumelten. Aber auch der dort postierte Wächter schüttelte den Kopf, bevor er sich
wieder lässig an den Sandsackwall lehnte, der um einen riesigen Flammenwerfer gestapelt war.

Das eingegangene Risiko war dieses Mal wohl doch zu groß gewesen. Wie konnten alle vier Trupps gleichzeitig verschwinden? Was war passiert? Zakk begann im Kopf die Verluste des Clans zu kalkulieren: Ein Dutzend Strahlenschutzanzüge, sechs Liter Trinkwasser, ein Motorrad, fünf Liter Sprit, vier Gewehre, zwei Handgranaten, vier Nachtsichtgeräte, acht Rucksäcke, vier Tarps, zwölf Messer, Verbandsmaterial, Navigationsausrüstung, Seile, Decken … falls die Trupps die ausgelegten Fallen umgesetzt hatten, wären diese ebenfalls verloren. Der Sturm letzte Nacht würde es komplett unmöglich machen, da draußen irgendwelche Überreste zu finden. Andererseits bedeuteten zwölf Tote auch entsprechend weniger Esser. Der Clan war im Moment groß genug und könnte das verkraften. Dennoch würde durch dieses Versagen ein dreizehnter Toter hinzukommen: Er selbst.

Noch einmal setzte Loyd das Fernglas an die Augen und suchte die Wüste ab … und tatsächlich: Etwa fünf Meilen entfernt erspähte er eine Staubwolke. Wieder nur eine dieser vedammten Windhosen, welche sich innerhalb von Minuten zu einem Sandsturm entwicklen konnten und die die Spähtrupps schon öfter überrascht hatten? Doch kurze Zeit später bewegte sich ein kleiner schwarzer Punkt über den Rand einer Düne und bald war auch das typische Knattern eines Zweitaktmotors zu hören, der von seinem Fahrer an die Leistungsgrenze gebracht wurde. Zakk beobachtete ihn noch lange genug, um sicherzugehen, dass er nicht verfolgt wurde, und begab sich dann hinunter zum Tor, um den Bericht entgegen zu nehmen. Waren die Trupps mit umherstreifenden Banden aneinandergeraten? Oder hatten sich wieder Megacity-Ratten aus ihren Löchern gewagt? Eigentlich trauten die sich nicht meilenweit in die Wüste und selbst wenn waren diese ausgehungerten Gestalten kein Problem für die „Wächter von Ozz“, schon gar nicht bei Nacht. Aber irgendetwas musste passiert sein, soviel stand fest.

Der Späher riß kurz vor dem mittlerweile geöffneten Tor die Maschine hoch und schoß auf dem Hinterrad herein. Diesen verdammten Arschlöchern war einfach nicht beizubringen, dass Sprit eine knappe Ressource ist. Schmerz hingegen, Schmerz ist reichlich. Nachdem er den Motor abgestellt hatte, warf der Fahrer ein großes Bündel auf den Boden, zog die Gasmaske vom Gesicht und spuckte mehrmals aus. Zakk wusste nur zu genau, dass der den widerlichen, metallischen Geschmack loswerden wollte, den der Wüstenstaub trotz Maske noch stundenlang auf der Zunge hinterließ, und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Kleine Sünden …

„Wir haben eine Wüstenratte aufgegriffen. Da in dem Bündel ist Proviant, Wasser, Medizin und alles weitere, um zehn Tage ohne Kontakt in den outlands zu überleben. Waffen hatte der Idiot nicht dabei, aber das hier.“ Mit diesen Worten streckte er Zakk einen Zettel hin. Der war sich kurz unschlüssig, ob er ihn lesen oder an den Orden des Geistes weitergeben sollte. Dann siegte die Neugier: „Wächter von Ozz: Die outlands sind in großer Gefahr! Die Clans berufen BUCKTOPIA zum Ende der Trockenzeit ein, um gemeinsam über eine Lösung zu beraten.“ Mehr nicht. Keine Unterschrift, keine Erklärung, kein Absender. „Ist das alles? Was ist mit dem Boten?“ „Lebt. Noch!“ Zakks Stirnrunzeln beantwortete der Späher mit einer abwehrenden Geste. „Nein, nein, wir haben ihm kein Haar gekrümmt! Er war schon halbtot, als wir ihn fanden. Seine Schutzausrüstung muss versagt haben. Der Sturm hat wohl die Filter zugesetzt. Die anderen haben Anweisung, ihn lebend und in einem Stück hierher zu bringen. Darum sind sie auch noch nicht wieder rein.“ „Bringt ihn zum Orden des Fleisches, die sollen ihn wieder zusammenflicken. Danach befragen wir ihn. Befragen, nicht verhören! Verstanden? … Die anderen Clans wissen genau, dass wir uns einen Scheiß um sie scheren, trotzdem schicken sie einen gut ausgerüsteten Boten und riskieren dessen Leben. Einen Boten! Weil sie uns genau kennen und ahnen, dass wir mehreren niemals trauen würden. Ich muss wissen, was dahinter steckt. Klar?!“ Nach einem kurzen Nicken verschwand der Kundschafter und Zakkory stand allein neben der abgelegten Maschine, die Botschaft noch immer in der Hand haltend. Dreizehn Jahre war es nun her, dass er sich gegen eine Mitgliedschaft in einem der beiden Orden entschieden hatte und zu den „Sinnen“ gegangen war, die für die Datensammlung, -auswertung und -archivierung im Clan verantwortlich sind. Dreizehn Jahre, in denen er gelernt hatte, gegenüber allem und jedem misstrauisch zu sein.

Nun gut, der heutige Tag sollte vielleicht nicht das Ende seines Lebens bedeuten. Sicher aber würde er das Ende des Lebens darstellen, wie er es bisher kannte. BUCKTOPIA! Niemals zuvor hatten die Wächter von Ozz an einem dieser Treffen teilgenommen. Wenn er es geschickt anstellte, würde er vielleicht sogar selbst zu den Gesandten gehören? Die Informationsfülle dort war schier unbegrenzt! Und mit diesen Informationen würde sein Status im Clan steigen! Doch zunächst musste geklärt werden, wen die Spähtrupps da aufgegabelt hatten.

Verfasser: [’solid], linke-jugend-md.blogspot.de