Bucktopia letztendlich – von E. M. Krüger

War da ein Geräusch?
Ihr ganzer Körper straffte sich, als sie in die Finsternis der Nacht lauschte. Mehrere Sekunden rührte sie sich nicht.
Nein. Sie musste sich geirrt haben. Da war nichts im Dunkel des Waldes. Es gab hier nichts. Niemanden. Außer ihr. Clara seufzte und schaute in den Nachthimel empor. Wenn der Himmel so klar war, waren die Sterne das schönste auf der Welt. Sie liebte die Nacht. Am liebsten wäre sie immer nur nachts gereist. Aber wen man in der Nacht lebte, erreichte man nicht viel. Das wusste sie von anderen. Man war am Tag zu leichte Beute. Und selbst wenn es stimmte, dass man immer auf der Hut sein musste, egal, ob Nacht, ob Tag, so war es doch praktisch, fit zu sein, wenn der Rest der Menschheit seine Tentakel ausstreckte. Einerseits um handeln zu können, um Informationen zu bekommen, etc., andererseits aber wegen des Gesindels.
Clara selbst gehörte nicht zu dem Gesindel. Zumindest zählte sie selbst sich nicht dazu. Seit vier Jahren zog sie allein umher und hatte noch nicht einmal jemanden überfallen oder beschissen. Ein bisschen war sie stolz darauf. Dass sie es allein geschafft hatte, ohne großartig zu verkommen.
Es blieb still und langsam kam die Zweiundzwanzigjährige wieder zur Ruhe. Bald würde sie das Feuer eh austreten. Dann fände sie keiner mehr für diese Nacht. Die Gedanken schweiften fort, dorthin, wo sie immer streiften an solchen Abenden. Seit vier Jahren war sie nicht mehr zu Hause gewesen. Oder besser an dem Ort, der einst ihr zu Hause gewesen war, bis ihr Vater sie an diesen Kerl verkauft hatte. Sie würde wohl nie aufhören, sich zu fragen, wie es Josche ging. Aber vorerst konnte sie ihn nuneinmal nicht holen. Seit vier Jahren nicht. Ihre Finger betasteten die kleine, schwarze Flöte an ihrem Gürtel. Josche hatte sie ihr geschenkt. Als sie damals Abschied nahmen. Er hatte sie aus irgendwelchem Müll gebastelt. Einfach so. Damit sie sich selbst Mut zuspielen konnte an dem fremden Ort, an den sie hatte gehen sollen. Es hatte ja keiner wissen können, dass sie nicht länger als vier Wochen dort aushielte. Aber an einem fremden ort war sie immerhin noch immer. Und würde es vermutlich auch bleiben.
Plötzlich stand sie kerzengerade da. Doch ein Geräusch! Vorsichtig hob Clara ihre Waffe vom Boden auf und spähte in die Nacht. Hatten sie sie schon wieder eingeholt? Normaler Weise brauchten sie immer ein paar Wochen, um erneut ihre Spur aufzunehmen.
Eine Weile blieb es still, dann erklang das Knacken erneut. ‚Hab ich dich!‘ Unverzüglich spannte sich der Bogen in Claras Hand und eine Pfeilspitze richtete sich auf das nahe Dickicht.
„komm raus“, raunte die junge Frau, „ich kann wirklich sehr gut zielen… auch ohne die Gabe.“
Tatsächlich war ihr inneres Auge bereits blind. Hätte sie es früher bemerkt, wüsste sie nun vielleicht genauer, wo er sich befand. Aber das ging nicht, solange er kein Geräusch mehr machte und sich nicht bewegte. Das war der Haken so kurz vor Neumond.
„Langsam wird meine Hand zittrig“, sprach sie schmunzelnd, „dann fliegt der Pfeil sowieso, also überleg lieber nicht zu lang, mein Freund…“
Kurz herrschte Totenstille-
Dann knackte es erneut mehrmals hintereinander und Schritte entfernten sich rasch.
Die Pfeilspitze senkte sich. Noralerweise hätte sie jetzt vielleicht die Verfolgung aufgenommen. Oder geschossen. Aber er war allein. Soviel teilte ihr inneres Auge ihr noch mit. Und heut Nacht würde er ihr nichts mehr anhaben können. Nicht wenn er sich so weit entfernte, wie er es momentan tat. Sein Schemen war schon wieder sichtbar geworden für ihre Weise zu sehen und gleichzeitig schon beinahe wieder verschwunden.
Stirnrunzelnd packte Clara ihre Tasche zusammen, löschte das Feuer und schulterte den Bogen. Sie hatte ja eh vorgehabt, heute noch weiter zu ziehen. Es brachte nichts, zu lange an einem Ort zu verweilen. Man wurde nur sentimental, wenn man zu viel Zeit zum Nachdenken hatte.

Die Sonne befand sich im perfekten Zenit, als Clara die Gabelung erreichte. Sofort fuhr ein Schmunzeln über ihr Gesicht. Gerade erst hatte sie wieder an Gesindel gedacht. Nun – hier das perfekte Exempel: Im Gebüsch, nicht weit entfernt, hockte eine zerlumpte Gestalt. Vielleicht hätte man vermuten können, dass der Mann einfach nur bestimmten, ab und zu notwendigen Geschäften nachging, wäre da nicht die Tatsache gewesen, dass sich direkt vor ihm auf der Straße gerade zwei Händler im Gespräch befanden. Einer von ihnen der Grund für ihre Anwesenheit hier. Welch Ironie. Da folgte sie demjenigen, der sie des Nachts belauscht hatte, als sie seinen Schemen im inneren Augen wiedererkannte und fand ihn in einer Situation wieder, in der er kurz davor stand, ausgeraubt zu werden. Für einen Augenblick überlegte sie, ob sie das ganze nicht einfach geschehen lassen und danach die Reste aufsammeln sollte, dann aber, als der Kerl sich seine Schweißerbrille aufsetzte und ein Tuch über die Nase zog, ein vermeintlich eindeutiges Zeichen, dass er nun Ernst machen wollte, entschied sie sich doch anders. In aller Ruhe trat sie von hinten an ihn heran, zog ihre kleine Pistole und berührte mit der anderen Hand seine Schulter. Sofort fuhr er herum und starrte verdutzt auf den unerwarteten Lauf vor seiner Nase. Das innere Auge war schwach zu dieser Zeit, dennoch verriet es Clara, dass der Typ keineswegs vor Angst gelähmt war und trotz schlechter Sicht, die das Tragen einer derartig verschmutzten Sonnenbrille mit sich trug, bemerkte die Zweizwanzigjährige nun, wie seine Hand vorsichtig nach seiner Waffe tastete. Sofort hatte Clara auch die zweite Pistole gezogen und auf ihn gerichtet.
Er schüttelte den Kopf.
„Nicht witzig“, bemerkte er in einer Mischung aus Nervosität und dennoch am Leben zu erhaltender Coolness. Dann erhob er sich langsam vom Boden und hob die Hände.
Clara musste schmunzeln. Ein ausgesprochen amüsanter kleiner Halunke. Vorsichtig spähte Clara zu den Händlern hinüber. Noch immer standen sie dort und redeten. Genaue Worte allerdings… Durch all die Tücher, die sie umhüllten war es beinahe unmöglich aus dieser Entfernung etwas genaueres zu verstehen… Noch dazu, wenn man sich darauf konzentrieren musste, dass ein kleiner bandit nicht bemerkte, was man tat.
„Dann haben wir ja…“, hörte sie noch einen der Männer sagen, da fiel besagter Bandit ihr ins Ohr: „Was hast du jetzt vor, mein Freund?“
‚Mein Freund.‘
Wieder musste die junge Frau beinahe schmunzeln. Dennoch: Sie legte sich einen Finger auf die verhüllten Lippen und wollte gerade wieder zu lauschen beginnen, als ihr das innere Auge die Unebenheit in seinen Gedanken verriet. Schnell richtete sie auch die zweite Waffe wieder auf den Banditen und entsicherte drohend. Dann erst horchte sie wieder in Richtung der Männer.
„Hast du jetzt vor, mich umzubringen?“
Erneut legte sie kurz den Finger auf die Lippen, richtete dieses Mal allerdings sofort wieder auch die zweite Waffe in Richtung ihres Gegenüber.
Wenn sie nur ein einziges entsprechendes Wort verstünde…
„Vergangene Woche habe ich…“
„Ist das meine Pistole?“
Dieser Typ war ja nicht zu fassen!
„Tu mir den Gefallen“, raunte Clara, wie sie es immer tat, wenn sie langsam wütent wurde, „und halt kurz die Klappe.“
Das innere Auge teilte ihr mit, dass er bei den Worten überascht stutzte.
Die Männer auf dem Weg schüttelten einander bereits die Hand. Dann gingen sie in verschiedene Richtungen davon. Enttäuscht richtete die junge Frau ihren Blick wieder auf das andere Problem. Wie wurde sie den jetzt los?
Schließlich tat sie versuchsweise zunächst einige Schritte rückwärts. „Ich will dich nicht erschießen“, erklärte sie und ließ die Worte kurz wirken, „Ich werde jetzt gleich meine Waffen wegstecken. Und dann werden wir auseinander gehen. Wir sind uns niemals begegnet, in Ordnung?“
Als keine Reaktion kam, ließ sie die Waffen in ihrem Gürtel verschwinden und verschwand selbst im nächsten Gebüsch. Dann setzte sie sich zügig in Bewegung in Richtung Norden. Die nächste Stadt war nicht weit und sie brauchte neue Verpflegung. Außerdem befand sich auf dem Weg in der Nähe ein großer Fluss. Es war zu warm in diesem Aufzug. Aber sie hatte keine Wahl. Ihr blieb nur, ein schattiges Plätzchen zu finden, um sich abkühlen.

Verfasser: Eva Maria Krüger, mvjstorys.blogspot.de