Alexander Amberger

Ein Überblick der Utopiegeschichte des 20. Jahrhunderts, ein Vortrag über den Widerspruch zwischen Marxismus und Utopie und das Thema ökologische Utopien/Dystopien

Es war um das Jahr 1970, als die ökologische Apokalypse aufzog – und zwar zuerst in den Köpfen amerikanischer Autoren, Journalisten und Wissenschaftler. Eine Reihe von Umweltskandalen, der Krieg in Vietnam und die Ideen der Hippiebewegung schärften das Bewusstsein für Umweltprobleme und zeigten immer mehr Menschen auf, dass es einen Widerspruch zwischen der Endlichkeit der Ressourcen und dem Unendlichkeitsanspruch industriellen Wachstums geben könnte. Doch nicht nur die Industrie, auch die Weltbevölkerung explodierte förmlich und schürte Ängste vor Hunger und Überbevölkerung.

Bücher wie das „Doomsdaybook“ von Gordon Rattray Taylor oder der erste Bericht an den neu gegründeten „Club of Rome“ mit dem plakativen Titel „Die Grenzen des Wachstums“ wurden zu Bestsellern. In ihnen wurden dystopische, apokalyptische Zukunftsszenarien gezeichnet, deren Verwirklichung auf jeden Fall kommen würde, wenn die Menschheit nicht umkehrt.

Doch nicht nur in den USA, sondern auch in der kleinen DDR fand dieses Denken Anklang. Allerdings war es nicht die SED, die sich damit auseinandersetzte, denn für sie war das ökologische Problem eines des westlichen Imperialismus. Nein, es waren marxistische Oppositionelle wie Rudolf Bahro, Robert Havemann und Wolfgang Harich, die mit eigenen Utopien ökosozialistische Modelle entwarfen.

Bahro plädierte für einen Wandel der Bedürfnisstruktur und Dezentralisierung, Havemann konzipierte eine anarchokommunistische Gesellschaft auf Basis technischer Innovation und Harich sah selbst keinen anderen Ausweg aus dem Wachstumsdilemma als eine ökokommunistische Weltdiktatur mit Zuteilungsscheinen und Massenumsiedlungen.

Die DDR ist mittlerweile genauso tot wie die drei Autoren. Doch sind es auch ihre Ideen? Dreht sich nicht die heutige Debatte über das Wachstum noch genau um die gleichen Fragen? Sind wir also nicht weiter im Denken als vor 40 Jahren? Und wenn doch, kann eine Rückbesinnung auf vergessene Debatten vielleicht Impulse für die Lösung gegenwärtiger Fragen geben? Hat die Utopie heute noch eine Chance gegen die Dystopie? Ist ohnehin schon alles zu spät? Fragen über Fragen, die man im Anschluss an die Thesen aus den siebziger Jahren diskutieren sollte.

 

Vita:

Geboren 1978 in Gotha, Studium der Politikwissenschaft in Halle 1999-2006, Abschluss mit dem Diplom. Seit 2011 Mitarbeiter bei „Helle Panke“ e.V. – Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin. Die Dissertation zu „Marxistischen Postwachstumsutopien der DDR-Opposition“ wird noch in diesem Jahr an der Uni Halle verteidigt.

 

Publikationen:

– Ökologische Utopien in der DDR, in: tarantel Nr. 45, Juni 2009

– Kampf dem neoliberalen Lügennetz. Attac-Aktivist Michel Husson stellt die Systemfrage und fordert radikales Umdenken, in: Neues Deutschland, 18. November 2009

– Der Stalinismus. Totalitarismus oder Oligarchie?, AVM-Verlag, München 2010

– Zwischen Wachstum und Umweltschutz. „Grüner Kapitalismus“: Die Wirtschaft wird (will) das Klimaproblem nicht lösen, in: Neues Deutschland, 17. Februar 2010

– Anti-Utopie einer Öko-Diktatur. DDR-Querdenker Wolfgang Harich als Pionier linker Wachstumskritik, in: Neues Deutschland, 15. März 2010

– Analyse, Kritik und ein paar Lösungswege. Die sozialistische Zeitschrift »Widerspruch« liefert Beiträge zur Rolle des Staates in der Krise, in: Neues Deutschland, 7. April 2010

– Lässt sich die Wirtschaft vorhersagen? Neues Buch beschäftigt sich mit Prognosen und ihrer Bedeutung für Ökonomie und Staat, in: Neues Deutschland, 19. Mai 2010

– Für ein ökologisch-emanzipatorisches Vorgehen, in: tarantel Nr. 49, Juni 2010

– Politik ist nicht alternativlos. Elmar Altvater und Raul Zelik haben die Utopie vermessen – Das latent Neue im Alten, in: Neues Deutschland, 10. Juni 2010

– Überleben unter der Glasglocke? Neues Buch zeichnet eine düstere Zukunftsprognose für die Menschheit – Technikgläubigkeit ersetzt soziale Gerechtigkeit, in: Neues Deutschland, 19. November 2010

– Ein neoliberales Märchenbuch. Der Wirtschaftsethiker Ulrich Chiwitt erklärt seine Liebe zum Kapitalismus, in: Neues Deutschland, 24. Dezember 2010